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Auszug aus dem Buch über das Adelsgeschlecht der Reisacher von Jakob Scharf aus Steinberg am See

 

Karl August, der einzige Sohn, kam am 6. Juli 1800 in Roth Hausnummer 49 zur Welt und war „Letzter des Mannesstammes“ (Stammbaum, Rieder). Da dieser den Priesterberuf ergriff, erlosch mit ihm auch das Geschlecht der Reisach, denn die anderen männlichen Reisacher (Marquard, Karl August) blieben kinderlos bzw. ohne männliche Nachkommen. Lediglich Ludwig hatte einen Sohn Friedrich Ernst, der aber nur acht Jahre alt wurde. Karl August, der noch am selben Tag von dem protestantischen Prodekan und Stadtpfarrer August Recknagel (1793 – 1802) getauft wurde, wobei sein Onkel Karl August Graf von Reisach - Steinberg sein Taufpate war. Er kam in Roth zur Welt, obwohl seine Eltern dort gar nicht wohnten. Wieso? Nach dem Taufbuch sei die Mutter wegen des Franzoseneinfalles hierhin geflüchtet. Doch wie Götz aus mündlichen Überlieferungen weiß, sollen seine Eltern von Heideck nach Roth gekommen sein, wollten ursprünglich im „Gasthaus zur Post“ übernachten, taten dies dann (wegen Überfüllung?) doch nicht, stiegen in einem Haus nebenan ab und wurden von der Geburt überrascht. Jedenfalls wurde Karl August am 3. Juli 1803 in Monheim „nachgetauft“ - in Verbindung (so Götz) mit seinem Bruder (?) Max Otto Ludwig, der am 30. Juni zur Welt kam und am 22. Juli starb. Allerdings ist bei Rieder kein Bruder dieses Namens erwähnt.

 

Karl August begann - nach den ersten Unterrichten im väterlichen Hause, dem Landgericht in Monheim - 1810/1811 seine Ausbildung in Neuburg an der Donau. Er wird als „schlanker, sehr hübscher Knabe (S. 7) geschildert, der sich auch in ritterlichen Übungen vergnügte. Hier im väterlichen Haus erhielt er auch seine erste schulische Bildung, wobei der Stadtpfarrer Albert Riegg mitwirkte, der 1824 Bischof von Augsburg wurde. August begann seine gymnasiale Ausbildung 1810 in Neuburg an der Donau, dann am heutigen Wilhelms-Gymnasium in München. Er war ein guter Schüler, nicht nur in den Hauptfächern, sondern er war auch überdurchschnittlich gut in Musik und Zeichnen. Zusammen mit seinem Mitschüler Andreas Speckbauer, Sohn des Titoler Nationalhelden Josef Speckbauer, erhielt er sogar einmal einen Preis. Auch später noch tat er sich in der Zeichenkunst hervor, wobei seine Arbeiten heute im Münchener Stadtmuseum (Maillinger Sammlung) sind. Dann mit 16 Jahren begann das philosophische Studium in München. Von hier aus ging er als Jurastudent nach Heidelberg, Göttingen und Landshut, wo er 1821 promovierte. Am 20. Mai 1820 wollte er in Mannheim an der Hinrichtung des jungen Sand teilnehmen, der den russischen Gesandten Kotzebue ermordet hatte, kam aber zu spät. Im Schlossarchiv Piesing sind seine Thesen, vorgelegt bei der mündlichen Prüfung zur Erlangung der Doktorwürde am 24. August, nachzulesen (mit handschriftlichen Kommentaren): Dissertatio inaugurals de antiqua iuris romani regula: nemo sibi ipse causam possessionis mutare potest. Der bayerische Staat gibt ihm ein zweijähriges Stipendium, was er zum Besuch auswärtiger Universitäten nutzt, u.a. in Göttingen und Leipzig.

 

In dieser Zeit lernte er den bedeutenden staatswissenschaftlichen (konvertierten) Schriftsteller und Politiker Adam Müller kennen, dessen Ansichten über Staat, Kirche und Religion ihn begeisterten. Eine glänzende Karriere als Jurist schien vor ihm zu liegen, als er sich zum Studium der Theologie entschloss, wohl beeinflusst durch Müller, aber auch durch den Suizid seines Vaters. Die Jesuiten prägten ihn nach seinen eigenen Worten ebenso wie auch der Einfluss des vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierten Redemptoristenpaters Clemens Maria Hofbauer bzw. die Lektüre des Ordensgründers Alfons von Ligouri (1823). Aber auch ein anderer Grund des Wechsels - so bei Stolberg - soll die geringere Aussicht auf eine akademische Karriere gewesen sein. Seine Versuche, Professor für Kirchenrecht im Königreich Bayern zu werden, hatten keinen Erfolg. Aber es sollen sich - so Wolf S.23 - auch Heiratspläne „zerschlagen“ haben. Nach intensiven Beratungen mit seinem Onkel Alois in Innsbruck entschloss er sich zum Priestertum. Für Götz aber ist klar, dass dafür nicht „tragische Familienverhältnisse“ die Ursache waren, sondern die „göttliche Providenz“, die „diesen hochbegabten Juristen ad maiora auserwählt hatte“ (S.12). Dennoch soll er laut Winfried Dier in der „Augsburger Allgemeinen“ vom 2. Mai 2012 in Anbetracht der Verfehlungen seines Onkels erschüttert gewesen sein und gesagt haben: „Ich werde die Ehre meiner Familie wieder herstellen“. Interessant in diesem Artikel über den „Karl-Reisach-Platz“ in Neuburg a.d. Donau ist die Begründung der Namensgebung, denn sie gleicht der bei der Erstellung des Historischen Brunnens in Steinberg für die „Reisach-Figur“: „Der Karl-Reisach-Platz ist weder dem Kardinal Graf Karl August von Reisach noch dessen gleichnamigem Onkel gewidmet…. Vielmehr war es die gesamte Familie der Grafen von Reisach, die hier zu Ehren kommen sollte.“ Eine ähnliche Erfahrung machte ich, als ich bei der Dorferneuerung von Steinberg (2006 -2015) um Bezuschussung des Historischen Brunnens mit der Reisach-Figur bat und dies der Freistaat Bayern ablehnte mit der Begründung, man wolle jemand, der Bayern um eine Million Gulden betrogen habe (gemeint ist der Onkel Karl August), nicht auch noch ein Denkmal setzen. Dieselbe Gegenargumentation mit „Wohltaten“ der Breisacher, u.a. Benefiziumsstifter, überzeugten den „Geldgeber“.

 

Was auch immer letztlich die Gründe waren: im Oktober 1824 trat er in das wieder eröffnete Collegium Germanicum ein, „ohne einen Kreuzer zu bezahlen“.  Nach der ersten Nacht in Rom machte er gleich eine Reihe von Besuchen - auch bei der Fürstin von Hohenlohe (Götz S.16). Über den Tagesablauf berichtet er seinem Onkel: Wecken um 5.00 Uhr, Ankleiden, halbe Stunde Meditation, dann Heilige Messe, Frühstück, Arbeit bis zum Mittagessen, Dankgebet in der Hauskapelle, Nachmittagsspaziergang meist in eine Kirche, Rückkehr zum Studium, Abendessen , Allerheiligenlitanei, Nacht- und Bettruhe mit Vorbereitung auf die morgendliche Meditation sowie Gewissenserforschung. Am 25. Oktober 1827 schreibt er in einem Brief an seinen Onkel Alois in Innsbruck: “Ich hoffe aber in dem Kloster der Jesuiten schon Ruhe und Frieden zu finden“ (S. 14, Anmerkung 1). Am 10. August 1828 wurde er zum Priester geweiht, promovierte an der Gregoriana zum Dr. Theol. Sein letztes Jahr 1829 im Germanicum war überschattet vom Tode Papst Leo XII., den er als „großen Papst“ verehrte und für den er ein feierliches Totenamt hielt. Schon ein Jahr später ernannte ihn Papst Pius V III., der ihm „seltene Reife, Gewandtheit und Frömmigkeit“ attestierte (Götz S. 22, Anm. 4), zum Studienrektor des Collegiums der Propaganda Fide (ADB). Damit stand er auch unter der Aufsicht von Kardinal  Mauro  Capellari, der am 2. Februar  1831 als Gregor XVI. Papst wurde, was auch die guten Verbindungen der beiden erklärlich macht.

 

Reisach schreibt 1835 unter dem Pseudonym Athanasius Philalethes gegen die vor allem in Deutschland und in der Schweiz aufgetreten Tendenzen, die klerikale Disziplin zu lockern oder gemischten Ehen gegenüber liberaler zu sein oder andere für die Kirche „gefährliche“ Ansichten zu dulden. Er lehnte alle Reformen ab, war Antirationalist, Gutachter im Prozess gegen Georg Hermes sowie ein glühender Verfechter der Trennung von Kirche und Staat. So erhielt er auch den Titel eines päpstlichen Hausprälaten, wurde zum Konsultor der Kongegrationen des Index und der außerordentlichen Angelegenheiten sowie zum Qualifikator der Inquisition ernannt (S.24), war also schon in relativ jungen Jahren ein wichtiger Mann in der Kirchenhierarchie. Wie kam nun der Bayer aus Rom wieder zurück in die Heimat? König Ludwig I. weilte mehrmals in Rom, hatte dort auch eine eigene Villa, und lernte dort den Landsmann kennen und schätzen. Er wollte ihn in Zusammenhang mit der konservativen Umorientierung seiner Politik als Bischof für eine bayerische Diözese. 1835 lehnte Reisach den vakanten Bischofsstuhl in Eichstätt noch ab, doch ein Jahr später war es so weit. Papst Gregor XVI. „konsekrierte“ ihn am 11. Juli 1836 (nach anderen Angaben am 17.7.1836) in der Kirche Santa Maria Maggiore persönlich zum Bischof, verließ Rom erst ab Mitte November. Am 13. März 1837 fand im Dom zu Eichstätt die feierliche Inthronisation statt. Dieser Aufgabe widmete er sich von Anfang an mit großem Eifer und war vor allem auf die Aus-und Weiterbildung des Klerus bedacht. Er hatte hier die Unterstützung von Innenminister Karl von Abel. In seinem Hirtenbrief („gespickt“ mit Bibelzitaten) zum Amtsantritt warnt er vor dem herrschenden Unglauben, der einreißenden Sittenverderbnis und fordert zum Festhalten am Glauben „als heiligstes Vermächtnis“ (S.31) auf. 1837(1838 errichtete er ein bischöfliches Lyzeum - nach dem „Vorbild“ des Germanicums in Rom- und  kurz darauf gründete er den Willibaldsverein, um die notwendigen finanziellen Mittel zu kreieren. König Ludwig I. unterstützte den Bischof und wies den Seminaristen sogar einen Landsitz, das Schloss Hirschberg bei Beilngries, zum Ferienaufenthalt an. 1843 erhielt dann das Lyzeum die Bestätigung als „kirchliche“ und „öffentliche“ Lehranstalt. Die Seminaristen – wegen ihrer Kleidung mit Zylinder, Joppe bzw. Spenser und Gamaschen „kleine Schlotfeger“ genannt- (S.75) traten von der Lateinschule ins Gymnasium über, wobei die Bemühungen um ein staatliches Lyzeum in Eichstätt scheiterten. Aber Reisach gab nicht auf, trug neue Vorschläge zur Finanzierung vor und erreichte so 1843 doch noch die Genehmigung eines „Lyzeums mit dem Charakter einer öffentlichen Lehranstalt“ (S.79).

 

Er widersetzte sich messerscharf argumentierend den Versuchen, „sein“ Lyzeum mit dem königlichen in Lyzeum in Freising gleichzusetzen und damit unter staatlichen Einfluss zu stellen. In seinem Antwortschreiben an Minister Abel stellt er klar, dass „sein“ Lyzeum eine „kirchliche Anstalt… ausschließlich zur Heranbildung von Klerikern“ sein werde, dennoch vom Staat anerkannt sein solle und der Bischof weitestgehend die im Konkordat zugestandenen Rechte wahrnehme. Schließlich konnte am 26.11.1843 das Lyzeum mit elf Kandidaten immatrikuliert werden. “Das Pflänzchen“ –schreibt Götz S. 83 - habe sich „trotz der Stürme, die über dasselbe dahin brausten“  zu „einem prächtigen Baum“ entwickelt und konnte beim 50-jährigen Jubiläum 1893 schon auf 2066 „angehörige“ verweisen, die aus ganz Deutschland und der Schweiz „in den verschiedensten Lebensstellungen“ wirkten. Als Kardinal verhinderte er später aus Rom die Umgestaltung des Eichstätter Lyzeums zu einer staatlichen Anstalt, wobei er sogar das Risiko einer Auflösung einging. Gerade weil – aufgrund des bayerischen Konkordates 1817 – der Staat massiv in Kirchenangelegenheiten bis hinunter in die Pfarreien “hineinregierte“, legte er großen Wert auf den schulischen Einfluss. Er wies die Pfarrer an, nicht nur als Lokalschulinspektoren die Schulen zu besuchen, sondern auch mindestens zweimal in der Woche auch Religionsunterricht zu erteilen. Rund 100 Jahre später, am 14. November 1919, beschreibt Eugenio Pacelli (der spätere Papst Pius XII.??) in seinem Nuntiaturbericht  die Lage der Seminare in Deutschland und nennt das 1838 von Graf Reisach gegründete Lyzeum  als „Ausnahme“, da dieses dem Ordinarius „völlig untersteht“ . Mittlerweile bekomme die Kirche Staatsleistungen, weswegen der Staat die Ernennung der Professoren bestätigen darf. (Kritische online-Edition der Nuntiaturberichte von 1917-1929, Dokument Nr. 3420 bzw. 4127).

 

Doch die Zeiten standen „auf Sturm“. In seiner Aufforderung zur „Anhänglichkeit an seine Religion und seinen Fürsten in seinem ersten Hirtenbrief am 1. Mai 1837 bittet er die Gläubigen auch, für König Ludwig zu beten,  „in seinem Streben, die Wunden, welche frühere , stürmischere Zeiten der Kirche geschlagen, zu heilen..“. Doch die „früheren Zeiten“ dauerten an. In Köln wurde infolge der Auseinandersetzung zwischen dem preußischen Staat und der Kirche nur drei Monate später Erzbischof Clemens August von Droste-Vischering verhaftet (ADB). Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. wollte unmittelbar nach seinem Amtsantritt am 7. Juni 1840 diese Wirren wegen des Hermesianismus (Professor Georg Hermes gilt als Vertreter des aufgeklärten, politischen Katholizismus und lag im Widerspruch zu Papst Gregor XVI., der seine Bücher auf den Index der verbotenen Bücher setzte) und der gemischten Ehen beenden und nahm Kontakt mit Kaiser Ludwig auf, dessen „Vertrauensmann“ der Eichstädter Bischof war. Kardinal Johannes von Geissel hatte sich schon an Reisach gewandt mit der Bitte, dass der ganze deutsche Episkopat eine öffentliche Erklärung zum Hermesianismus und zur Mischehe abgeben solle. Reisach ließ keinen Zweifel an seiner Haltung und schreibt in seiner Antwort, dass „sich in dieser Kirche noch der alte Geist regt“ (S.88) und sich die Bischöfe in „einer Gesinnung“ äußern sollte, was jedoch sehr schwierig war, denn über die Haltung gegenüber herrschte eben keine Einigkeit - auch nicht in Bayern. Er selber behalte sich für jeden Einzelfall die Entscheidung vor und erteile die Vollmacht, wenn die Erziehung der Kinder im katholischen Glauben zugesagt werde. Reisach jedenfalls  vermittelte  im jahrelangen Konflikt - schon unter König Wilhelm III. zwischen Rom und Köln, so dass schon ein Jahr später der papsttreue Speyerer Bischof Geissel mit Zustimmung von Clemens August zum Coadjutor cum spe succedendi (mit der Hoffnung auf Nachfolge) bestimmt wurde.

 

Als Vergleich zu „Praktiken“ im Jahre 2017 - rund 80 Jahre später - will ich auch etwas näher auf Reisachs viel diskutiertes Reformdekret „De vita et honestate clericorum“ (1839) eingehen (S.46ff). In ihm und den Vorschriften der Pastoralinstruktion ist genau geregelt, was von den Priestern zu tun und zu unterlassen ist. Angefangen von der Pflicht, “ein heiliges Leben“ zu führen (Art.1), die heilige Messe an Sonn- und Feiertagen zu feiern, die Beichte abzunehmen oder das Breviergebet zu halten bis hin zu Vorschriften über die Kleidung wird hier detailliert angegeben, wie sich der Klerus zu verhalten hat. Es wird „verschärft“ auf das „Tragen von Collar und Tonsur“ hingewiesen, wobei auch eine schwarzseidene Halsbinde, nicht aber die „Cravatte“ toleriert wird. Bei offiziellen Anlässen ist der schwarze Schultermantel über dem Talar zu tragen, die Soutanelle (?) ist hier verboten, kann aber ansonsten - wenn sie schwarz oder schwärzlich ist - getragen werden. Streng verboten sind Beinkleider, die auch die Strümpfe verdecken (Pantalons), kürzere jedoch werden toleriert. Wenigstens bei den gottesdienstlichen Funktionen sind schwarzseidene oder leinene Strümpfe mit Schnallenschuhen zu tragen“. Nur bei schlechter Witterung können Stiefel getragen werden. Die schwarze Kappe darf nur bei Reisen als Kopfbedeckung getragen werden. Chorröcke dürfen nur die Dekane tragen, auch der schwarze Kragen ist nur diesen sowie den Kamerern, Domvikaren und Stadtpfarrern gestattet. In einem weiteren Artikel ist der “Verkehr mit dem anderen Geschlecht“ geregelt. Demnach sind als Haushälterinnen nur Schwestern oder nahe Verwandte zugelassen, und erst, wenn das nicht möglich ist, „ältere, eingezogene, noch nicht gefallene Frauenspersonen“, was auch immer damit gemeint ist. Das Dienstpersonal des Pfarrers muss ein „gutes Beispiel“ geben, was heißt, dass Tanz, Theater, Wirtshausbesuch, Teilnahme an „Schmausereien“ sowie die Jagdausübung verboten sind. Der Besuch des „Honoratiorenstübchens“ (Treffen der Honoratioren Pfarrer, Ortsvorsteher, Lehrer, Richter, Arzt, Großbauer??) ist dagegen erlaubt.

 

Bei seinen vielen  Visitationsreisen wurde er nicht müde, die Geistlichen immer wieder an ihre Pflichten und Aufgaben zu erinnern. Über eine davon berichtet Stadtpfarrer Anton Walter aus Spalt am 10. Juni 1837 (S.39). Nach dem feierlichem Empfang in der Kirche hielt er eine 45-minütige Predigt und gab die Bedingungen für den Erwerb eines vollkommenen Ablasses bekannt, um nach Besichtigung seiner Zimmer sich in den Beichtstuhl zu setzen. Auch am darauffolgenden Tag nahm er morgens vor dem Pontifikalamt mit Ansprache an die Firmlinge den Gläubigen die Beichte ab. Nachmittags war dann „visitatio coemeterii“. Von Spalt aus besuchte er noch ein halbes Dutzend umliegender Pfarreien um dann nach seiner Rückkehr bis 22.00 Uhr, manchmal 23.00 Uhr im Beichtstuhl zu sitzen. Am 18. Juni spendete er feierlich das Firmsakrament. Besonders schwärmte der Stadtpfarrer von den Gesprächen mit dem Bischof und seinen Erzählungen über Rom und den Papst, die nicht selten bis Mitternacht dauerten. Der Bischof habe - so seine Einschätzung - durch sein „ungemein freundliches und liebevolles Benehmen alle Herzen gewonnen“ (S. 40). Interessant ein Bericht über die „ausgezeichnete… Aufnahme nicht bloß bei den Katholiken, sondern auch bei den Andersgläubigen“ (S.43), bei seiner Visitation in Treuchtlingen und Hainsfarth(?)-Katholiken, Protestanten und Juden zogen gemeinsam in die Kirche, und das im Jahre 1838! Anderseits erließ Reisach 1843 auch klare Anweisungen für die Beerdigung von Protestanten in katholischen Gemeinden. Der Pfarrer muss nach vorhergehender Anzeige dem betreffenden „Reliigiinsdiener“ (=protestantischer Pfarrer?) zu überlassen. Nur wenn es keine gebe, kann auch der katholische Pfarrer „als Standesbeamter in anständiger schwarzer Kleidung die Leiche zu Grabe tragen“ (S.53), müsse sich aber aller kirchlichen Zeremonien, Gebete und der Leichenrede enthalten.

 

In diesem Zusammenhang wird wohl König Ludwig auch die Zustimmung von Erzbischof von Gebsattel (seit 1818 1. Erzbischof des neu errichteten Erzbistums München-Freising) erhalten haben, dass auch Reisach, dem der König 1842 wohl wegen seiner Vermittlungstätigkeit das „Komthurkreuz des Michaelsoedens“ verlieh, am 12.7.1841 zum Coadjutor  von München-Freising bestellt wurde. Andere Quellen wiederum vertreten die Auffassung, dass dies gegen den Willen Gebsattels geschehen sei. Am 25.2.1847 - nach dem Tode von Gebsattel - wurde Reisach nach zehnjährigem Wirken in Eichstätt auch dessen Nachfolger auf dem Stuhl des Heiligen Korbinian (Wappen!?) und sollte wiederum zehn Jahre Erzbischof von München-Freising sein. Das Programm seiner „Amtseinführung“ sah schon am Vortag „von halb vier bis vier“ ein halbstündiges Glockengeläut vor. Am Tag selbst setzte sich die feierliche Prozession, bestehend aus der „männlichen deutschen Schuljugend“ , Waisenknaben, Bruderschaften, Gesellen-Congregation, lateinischer Congregation, Schwestern, Alumnen, Klerus der verschiedenen Pfarreien, Trompetenchor, Fahnenabordnungen, Magistrat, Gemeinde-Bevollmächtigte und am Ende das Volk um 9 Uhr in Bewegung. Auch hier setzte sich Reisach von Anfang an vehement dafür ein, die Kirche aus den „Fängen“ einschränkender staatlicher Bestimmungen zu befreien, wobei er auf die Huld des Königs setzte. Doch diese verlor er sehr schnell, da er weiter gegen das „Staatskirchentum“ und für die Freiheit der Kirche kämpfte und sich dann auch noch im Zusammenhang mit der Lola-Montez-Affäre des Königs sich warnend und mahnend äußerte. Der 60-jährige König hatte offensichtlich mehr als ein „Techtelmechtel“ mit der 25-jährigen. Er ließ sogar sein Testament ändern , wobei der Geliebten 100000 Gulden zugesagt wurden, wenn sie nach seinem Tode weder verheiratet noch Witwe wäre. Außerdem sollten ihr jährlich 2400 Gulden bis zur Eheschließung gewährt werden. Dieses Verhältnis dauerte bis 1850. In diesem Zeitraum soll sie rund 150000 Gulden erhalten haben, was einer heutigen Kaufkraft zwischen 2 und 2,3 Millionen Euro entsprechen würde (Wikepedia). Das mehr als unterkühlte Verhältnis zu Reisach äußert König Ludwig am 18. Januar 1847 in einem Brief an Erzbischof Geissel, indem er ihm bestätigt, dass er auf seiner Seite stehe, und nicht die „Richtung…des Erzbischofs Reisach“ vertrete (S.99). Ein angedachter Tausch Geissl/Reisach scheiterte an der Weigerung des Kölner Erzbischofs. Götz deutet die „Lola-Montez-Geschichte“ nur an, sie sei aber ein Teil der Erklärung, warum er beim König in Ungnade fiel, zusammen mit der „Würzburger und Freisinger Bischofskonferenz und das auf sie gegründete, immer wiederholte Ansuchen Reisachs auf Gewährung der verfassungsmäßigen Kirchenfreiheit“ sowie die für die protestantische Königin Therese angeordnete Trauerfeierlichkeit in katholischen Kirchen (S.99, König Max!!?).

 

Auch der Thronwechsel und die Flucht der Montez in die Schweiz 1848 nach der „erzwungenen“ Abdankung Ludwigs zu seinem Sohn König Max II. änderte am Verhältnis Reisachs zum Königshaus wenig. Reisach kämpfte weiterhin für eine freiere Einstellung der deutschen und vor allem der bayrischen Kirche. Bereits in diesem Jahr erging der Ruf des Papstes nach Rom an Reisach, der sich aber weigerte, nach Otto Weiß auch mit „Unterstützung“ der „Mutter“ (S.188). Auf Betreiben des Kölner Bischofs von Geissel hin kam vom 21. Oktober bis 26. November 1848 in Würzburg die erste deutsche Bischofskonferenz zustande (ADB), gegen den Willen Reisachs, der darin die Gefahr für die päpstliche Vollgewalt sah. Dennoch dauerte es lange (1867), bis diese Bischofskonferenz institutionalisiert wurde, zumal 1850 die erste bayerische in Freising stattfand (und dann noch 1854,1864,1865). In einer Denkschrift forderte man größere Freiheiten für die Kirche. Im Oktober 1850 „organisierte“ er eine bayerische Bischofskonferenz, auf der man auf einer genauen Einhaltung des Konkordats bestand. Trotz mehrmaliger Gesuche erreichte Reisach wenig am Königshof. Auch wurde hier die Einführung eines „gemeinschaftlichen Katechismus“ beschlossen. In einem Hirtenbrief vom 8.  September 1853 erläuterte er die Hintergründe und Funktion des neuen Werkes, vor allem die Vermittlung im Schulunterricht. Der Katechismus solle „in zwei Schuljahren in seiner ersten Stufe vollständig erlernt“ sein (S.5), in den weiteren zwei Schuljahren solle er „in höheren.. Stufen“ wiederholt werden. Er wendet sich gegen eine nur bruchstückhafte Vermittlung, sondern fordert den Zusammengang und auch das „Auswendiglernen des Lehrstoffes“ (S.5, Hirtenbrief des hochwürdigsten Herrn Carl August, Erzbischofes von München-Freising, erlassen am 8. September 1853: die Einführung eines neuen Katechismus… - Bayr. Staatsbibliothek).

 

Dieses unterkühlte Verhältnis erreichte seinen „Höhepunkt“, als sich der Erzbischof 1854 ??? weigerte, bei der Beisetzung der protestantischen Königin Therese dieselben Feierlichkeiten wie bei katholischen Fürsten üblich abzuhalten. Ein Jahr später wurde dann endlich nach einigen Versuchen zur Versetzung schon vorher auf eine „Bitte“ des Königs hin Reisach am 17.12. 1855 zum Kardinal ernannt - heute würde man wohl sagen „wegbefördert“, wobei König Maximilian II. Reisach dieses Amt auch noch finanziell „schmackhaft“ machte. Nachfolger wurde der in Neunburg v.W. geborene Mettener Abt Georg Scherr. Der Clerus der Erzdiözese München-Freising-Eichstädt widmet ihm auch eine „Denkmünze“ (Brustbild im geistlichen Ornat) zur Feier der erlangten Kardinalswürde. (Julius Sax, Geschichte des Hofstifts und der Stadt Eichstädt, S. 482, Nürnberg 1857). Von 1846 - 1856 war er (kraft Amtes) Mitglied des Bayerischen Parlaments.

 

Im Jahre 1869 stand er - 1868 noch zum Kardinalbischof von Ostia erhoben - im Mittelpunkt seiner Arbeit die Vorbereitung des 1. Vatikanischen Konzils. Der Redemptorist Pater Carl Erhard Schmöger (1819 - 1883), „Kind der Mutter“ und wohl auch geistiger Leiter der Louise Beck und damit im engsten Kreise Reisachs, unterstützte ihn mit Artikeln aus deutschen Zeitschriften, wobei er zu dieser Zeit bereits Provinzial war (1868 - 1883) und im Orden als Tyrann galt (Weiß, S.279). Während dieser Vorbereitung war er bereits krank, so dass ihm der Papst im September dazu riet, wenigstens bis Allerheiligen „kürzer zu treten“ und sich zu erholen. Daraufhin bat Reisach den Generaloberen der Redemptoristen Pater Nicolaus Mauron, der bis zu seinem Tode in Rom residierte und nach anfänglicher Verehrung der Ereignisse um Louise Beck immer mehr an den „wunderbaren Ereignissen“ zweifelte, dass er sich nach Frankreich in das Redemptoristenkloster in Contamine –sur- Arve in Savoyen zurückziehen dürfe. Doch seine Abreise verzögerte sich, weil er eine schwere „Magengeschichte“ durchstehen musste. So kam er erst im Oktober an. Dr. Joseph Mast (1818 - 1893), Sekretär Reisachs sowie ultramontaner Mitstreiter, der seinen Freund Schmoeger immer über den Gesundheitszustand auf dem Laufenden hielt, begleitete ihn (vhl. Weiß, S.225). Auch hier - wenige Wochen vor seinem Tod - war die Einstellung zur „Höheren Leitung“ immer noch ein Thema. Und es scheint, dass ihm doch am Lebensende Zweifel kamen. Zwar schreibt Mast im November an Schmoeger, dass der Kranke „seine guten Dispositionen eine Zeit lang nicht bewahrt“ habe(S.226) und von „Überschwänglichkeit, Mystizismus und dergleichen“ spreche, aber nur einige Tage später in einem weiteren Brief: “unser Kranker“ offenbare „öfter die Schwäche seines Glaubens“ und äußere sich „eher im Scherz herablassend“ über Mystizismus. Der Zustand verschlechterte sich immer mehr, so dass er bereits am 24.Oktober die Sterbesakramente verlangte und zeitweise ohne Bewusstsein war. Mast beklagt Reisachs Gleichgültigkeit gegenüber der „Höheren Leitung“ und zeigte sich überzeugt, dass er gesund sein und sich beim Konzil bewähren könnte, wenn er nur mehr an der „Göttlichen Leitung“ festhalten würde. Am 4. November kam auch noch Bronchialkattarh dazu, was sich jedoch zu „legen“ schien. Aber die Hoffnung war nur kurz, denn am 10. Dezember schrieb Mast an Schmoeger: “Es gibt keine Hoffnung mehr; der Tod ist bald zu erwarten, und es sicher nicht mehr lange dauern. Nicht um Monate handelt es sich, sondern nur noch um Tage und Stunden“ (S.225). Und so starb er am 22. Dezember 1869 gegen 22.00 Uhr nach einem schweren Todeskampf im Beisein von Dr. Mast. Dieser beklagt auch nach seinem Tod, dass er nicht „in dieser kostbaren Gnade verblieben“ sei und dadurch der Kirche „unzählige Wohltaten“ verloren gingen (S.227).

 

1848 erfahren wir erstmals etwas über die „Neigungen“ des Bischofs, die ihn später wieder in Rom ins Zwielicht rücken sollten. Karl August Reisach war gegenüber übersinnlichen und mystizistischen Phänomenen sehr „anfällig“, wobei im 19. Jahrhundert in der Gegenüberstellung Romantik und Aufklärung übersinnliche Erscheinungen keine Seltenheit im religiösen Denken darstellten. Das Anliegen der romantischen Bewegung traf sich voll mit den Ansichten Reisachs, der in seinem Athanasius Sincerus Philalethes ähnliche Anschauungen entwickelt hatte. Die „Seherin“ Louise Beck übte aus diesen Gründen anscheinend nicht wenig Einfluss auf den Bischof aus. Diese war am 19. April 1822 als Apothekerstochter in Altötting geboren, war eine machtbewusste Mystikerin, Visionärin, Ekstatikerin (Neurotikerin?), die mit ihren Weisungen aus dem Jenseits kirchliche Kreise durchaus beeinflusste. Sie verstarb am 6. August 1879 - zehn Jahre nach Reisach. Begraben ist sie in einer Seitenkapelle des Klosters Gras/Inn (in dem ich von 1961 – 1963 im Seminar war), das seit 1858 ein Redemptoristenkloster ist. Zuvor waren Benediktiner und Augustiner in Gars.  Das „hochgeachtete Fräulein“ und „geistliche Tochter des hl. Franciscus“ habe in Gars „ihr der Welt verborgenes, Gott in größter Treue geopfertes Leben“ vollendet. Neben der Grabtafel der Aloysia Antonia befindet sich eine weitere, nämlich die einer Verwandten und einer ihrer frühesten Anhängerinnen:  Bertha Clara von Pranckh (1823 – 1902). Sie war Louises Schwägerin, die Schwester des bayerischen Kriegsministers Sigmund von Pranckh und Gönnerin ebenso wie die Fürstin Leopoldine von und zu Löwenstein, bei der sie Gesellschafterin war. Sie lebte fast zehn Jahre im Kloster Gars.

 

Sie behauptete schon sehr früh, Visionen über Schutzengel, Heilige und Arme Seelen zu haben. Als sie 1847 von dem protestantischen Grafen Clemens von Schafgottsch - einem Freund ihres mit 23 Jahren verstorbenen Bruders - geschwängert wurde, erlitt sie eine Totgeburt und ihre „Erscheinungen“ wurden stärker. Dies ist jedoch bei Otto Weiß („Die Macht der Seherin von Altötting. Geisterglaube im Katholizismus des 19. Jahrhunderts, Regensburg 2015), der ein ausgezeichnetes detailliertes Bild von Louise Beck zeichnet, nicht der „Auslöser“, denn er datiert die Schwangerschaft auf das Jahr 1854 bzw. 1856 (S.70). Tatsache ist, dass sie in den Jahren 1845 und 1846 seelisch sehr belastet war, was sich somnambulischen“ Erscheinungen äußerte. Die offensichtlich in dieser Zeit wohl depressive Frau bekam in der Karwoche 1846 „Nervenfieber“, das bis Mai andauerte. An ihrer linken Brust soll eine Wunde entstanden sein, die nach Aussagen eines Arztes die Form eines Kreuzes hatte (Weiß, S.19). Der Redemptoristenpater Dr. Franz Ritter von Buchmann, der nach dem Tod seiner Ehefrau Juliane ins Kloster Altötting eingetreten war, wurde Becks Beichtvater. Zunächst nahm dieser ihre Aussagen nicht ernst, hatte dann aber nur die eine Erklärung, dass sie vom Teufel beeinflusst sei. Er nahm daher erstmals eine Teufelsaustreibung bei ihr vor. Nach weiteren folgenden sollen die Dämonen (Bruder Benno als Geist der Gottlosigkeit, ihr Geliebter Schaffgotsch als Geist der Unzucht und ihr Urgroßvater als Geist des Unglaubens) vertrieben worden sein. Auch ihre Beziehung zu Schaffgotsch endete. Als 1847 den Redemptoristen in Altötting durch König Ludwig I. die Auflösung ihres Klosters drohte, bat er Louise um ihre Hilfe. Und dieser erschien erstmals ein Geist - die verstorbene Frau Juliane des Pater Bruchmann. Hinter dieser erschien bald eine weitere Gestalt, “die schöne Frau“, die Mutter Gottes. Somit wurde Juliane (=“die Mutter“) Vermittlerin zwischen Maria und Louise (= „das Kind“), die wiederum die Weisungen („Höhere Leitung“) an ihre Anhänger (=“Kinder der Mutter“) weitergab. Diese hatte sie in ihrer Ekstase aufgeschrieben und dann mündlich weitergegeben. Unter ihren Anhängern war bald auch Reisach. Wie kam es dazu? Sein von ihm am 7.10.1846 zum Generalvikar „gemachter“ Friedrich Windischmann, der ebenso wie Reisach beim Tod der protestantischen bayrischen Königsmutter 1841 gegen feierliche katholische Exequien gewandt hatte und damit ebenso die Gunst des Königs verlor, besuchte im Dezember 1847 das Redemptoristenkloster in Altötting und war von den „Vorgängen“ sehr angetan. Dieser - von Reisach als „treuer Freund“ und „einzige Stütze“ bezeichnet - (ADB), aber verschuldet durch seine Freigebigkeit und Erpressung eines jungen Mannea, berichtete dem Bischof von diesem Medium, so dass dieser wenig später die Louise Beck nach München kommen ließ und bald unter dem Einfluss der „Höheren Leitung“ stand. Reisach hob das vom PassauerBischof Heinrich Hofstätter verfügte Verbot der Seelenführung durch Louise und die Anwendung des Exorzismus wieder auf. Windischmann und Reisach ließen sich nun in kirchenpolitischen Fragen von ihr mehr als nur „beraten“. „Wer sich der `Höheren Leitung einmal unterworfen hatte, musste ihr blind folgen. Alles andere galt als Ungehorsam gegen Gott“ („Das Erzbistum München und Freising im 19. Und 20. Jahrhundert“ hrg von Georg Schwaiger, München 1989, S.101). Pater Nobel erinnert sich 1869 rückblickend an das Jahr 1847, dass die Treffen von Louise Beck und Pater Bruchmann oft Stunden dauerten. Der Gärtner fungierte als „Briefträger“ (vgl. Schwaiger, S.101). Doch diese kritischen Stimmen wurden von Reisach durch Versetzungen bewusst unterdrückt. Josef Glink, der Sekretär Reisachs, der später die Untersuchungen über diese Ereignisse leitete, zitiert einen Kapuziner, dass Bruchmann „wegen eines oftmaligen und lang andauernden Verkehrs mit einem Fräulein in einem Oratorium  der Redemptoristenkirche allerley üble Nachrede veranlaßt und große Verdrießlichkeiten selbst von Mitgliedern der Congregation sich zugezogen habe… “ (S.102). Jedenfalls bestand zwischen München (Reisach) und Altöttimg (Beck) „ein rätselhafter und mysteriöser Verkehr“. 1861 starb Reisachs Generaklvikar Windischmann - bei Gerüchten über eine absichtlich nicht genügende Behandlung. Der Tod Windischmanns hatte auch den Bruch Reisachs zu seinem ehemaligen Sekretär Glink zur Folge. Dieser nämlich hatte in einem Brief ihn „gewarnt“, dass diese „geheime Geschichte“ nicht in die Öffentlichkeit käme, nämlich dass Erzbischof und Generalvikar „unter der Leitung eines Frauenzimmers stehen“ (S.104). Diese Briefe leitete Reisach an die Redemptoristen weiter, die Glink nun in ihrem Visier hatten. Reisach forderte sogar „vollkommenes Stillschweigen“ (S.105) und bezichtigt Glink der Unwahrheit. Doch damit war noch lange kein Ende der Auseinandersetzung, denn Pater Schöfl, langjähriger Seelenführer von Louise Beck, meldete Zweifel an der „Höheren Leitung“ an, was zu seiner Isolierung im Kloster und seelischer Erpressung und schließlich 1865 zum Ausschluss aus dem Orden führte. Er wurde Benefiziat (!!) in Jetzendorf. Reisach warnte seinen Nachfolger Erzbischof Gregor Scherr vor Schöfl, aber vergeblich, denn Domkapitular Glink nutzte bei seinen Untersuchungen den Bericht von Pater Schöfl. So zieht er am Ende seiner Untersuchungen u.a. die Schlussfolgerung, dass Reisach „zur Zeit noch nicht aufgehört hat, die Überzeugung seines ihm in die Ewigkeit vorangegangenen Freundes zu theilen“ (S.107). Dem widersprach natürlich Reisach, den  er habe nichts getan oder gesagt, wodurch er „irgendwie compromittirt“ sei. Jedenfalls kam es durch vielerlei Gründe nicht zu einer Veröffentlichung. Das war auf der einen Seite die ungleiche Stellung eines „armen Priesters“ (S.109), und die eines mächtigen Kirchenfürsten, einer Fürstin Löwenstein mit ihren politischen Beziehungen auf der anderen Seite.

 

Der Regensburger Bischof Ignatius von Senestry - seit 1872 „Kind der Mutter“ - wurde durch das „überirdische Medium“ aufgefordert, in Rom das Verbot der Schriften seines Vorgängers Johann Michael Sailer zu erreichen. Dies kam aber nicht zustande. In diesem Jahr 1872 nennt er die Louise Beck „eine sehr gebildete und tugendhafte Dame von großer Frömmigkeit“ (S.109). Jedenfalls beendete Senestry die Untersuchungen in Sachen Beck.

 

1862 bezog sie mit ihren Begleiterinnen einen Flügel im Redemptoristenkloster Gars/Inn (in dem ich von 1959 - 1961 auch Seminarist war!). Wie groß ihr Einfluss in der katholischen Kirche war, zeigt eine Äußerung von Bischof Senestry, der nach ihrem Tod 1879 gesagt haben soll, dass er jetzt nicht mehr wisse, wie er seine Diözese leiten soll. Auch der Ordensprovinzial Karl Erhard Schmöger (1819 – 1893) ließ sich von der Visionärin Louise Beck völlig beeinflussen und machte den Kult um diese Frau in jeder Hinsicht mit, zählte zu den „Kindern der Mutter“. Otto Weiß führt einen Briefwechsel während der Freisinger Bischofskonferenz zwischen der “Mutter“ einerseits und Windischmann bzw. Reisach andererseits an und kommt zu der Schlussfolgerung, dass Beck wohl keinen „wesentlichen und direkten Einfluss auf die Kirchenpolitik Reisachs“ hatte, gleichwohl diese sehr wohl daran Anteil nahm (S.186). Im Wikipedia-Artikel hingegen ist von einem „erheblichen Einfluss auf Ordensobere und hohe katholische Würdenträger“ die Rede.

 

So kehrte Reisach nach 19 Jahren wieder nach Rom zurück, wo er kurz darauf Kardinalpriester der Kirche Santa Anastasia wurde. Am 20. Dezember 18?? lesen wir in der Allgemeinen Zeitung, dass die neuen Kardinäle Reisach, Villecourt und Gaude in der Sixtinischen Kapelle erschienen, wo „sie das Gelübde unverbrüchlichen Gehorsams gegen das Kirchenoberhaupt auf die apostolischen Constitutionen eidlich ablegten“. Nach Fuß- und Handkuss erhielten alle drei vom Papst den Kardinalshut mit anschließender „Zeremonie des Mundschließens“. 1856 wurde er als Vertrauter von Papst Pius iX. in die Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten und in die Kongregation des Index, zur Prüfung der Bischöfe, des Ritus und der Propaganda  berufen. Die ihm übertragenen Konkordatsverhandlungen mit Württemberg (1857) und Baden (1859) blieben jedoch ohne Erfolg, da die Abgeordneten die Konvention ablehnten. Erfolgreicher waren die Verhandlungen die Priesterausbildung betreffend. Am 8. April 1857 wurde die Konvention zwischen König Wilhelm I. und Papst Pius IX. von Kardinal Reisach und dem Freiherrn von Ow unterzeichnet und am 4. Juni wurden auf dem Quirinal die Urkunden ausgetauscht, wonach das geistliche Bildungswesen neu geregelt wurde - die Kirche hatte zwar nicht alles erreicht, war aber zufrieden, der Staat sah die Konvention als annehmbar an. (vgl. S.338, Georg May „Mit Katholiken zu besetzende Professuren an der Universität Tübingen…“, Karl Holl: “Zum Entwicklungsgang des Kardinals K, A.v.R.in Historisch.-Politische Blätter 162, 1918) Von 1861 -1868 hatte er auch noch Santa Cecilia als Titularkirche. 1868 wurde er Kardinalbischof von Sabina. Bereits 1862 war er Präfekt der Studienkongregation und „Unterrichtsminister“ des Kirchenstaates. Das päpstliche Breve „Tuas libenter“ vom 21. September 1863 , in dem der Scholastik der klare Vorrang eingeräumt wurde und die Unterwerfung der theologischen Wissenschaft unter das kirchliche Lehramt verlangt wurde.“Initiative und Hauptverfasserschaft zu diesem Schreiben liegen beim ultramontanen Kurienkardinal Karl August Graf von Reisach…“ (Zwischen Rebellion und Kirchentreue: Ignanz von Döllinger und die päpstliche Unfehlbarkeit, von Dipl. Theol. Florian Heinritzi, Sommerakademie St.Bonifaz, 2013, Kulturkampf in Bayern) Am 27. November 1869 übertrug ihm Papst IX. das Amt des Präsidenten des 1. Vatikanischen Konzils, aber dieses konnte er nicht mehr ausüben, da er am 16. Dezember desselben Jahres im Redemptoristenkloster Contamine-sur-Arve in Frankreich starb.

 

Johanes B. Götz, Expositus in Roth, der zum 100. Geburtstag ein sehr positives, zum Großteil mit Bewunderung verfasstes Lebensbild zeichnete, fasste am Ende seines Werkes noch einmal zusammen. Sein “Gesamtlebensbild“ (S. 106ff) stelle sich so dar, dass er - ein „feiner Mann“ - heiter, fröhlich, liebenswürdig, lebhaft und gesprächig sowie wohltätig, sprachgewandt und kunstsinnig war. Dies nutzten auch manche seiner Zeitgenossen aus, wenngleich finanziell bei ihm nicht viel zu „holen“ war. Er kam ohne Vermögen nach Rom und starb als Kardinal ohne Vermöge. Er hatte eine besondere Gabe, mit Kindern und Jugendlichen umzugehen und fand den „Mittelweg zwischen Vergnügungssucht und Kopfhängerei“. Seine Frömmigkeit sei „einfach, kindlich und warm“ gewesen. Trotz seiner Liebe zu seiner Familie war er nicht sentimental und hatte eine unerschöpfliche Arbeitskraft. Er verbrachte viel Zeit im Beichtstuhl. Auch Menschen mit ansteckenden Krankheiten (Cholera, Pest) suchte er auf. Er erhielt viele Besuche, stellte sich als Führer zu den Katakomben zur Verfügung. Seine Lebensweise - so Götz - war „sehr mäßig“, das Essen beschränkte sich auf wenige Gänge. Bei offiziellen Anlässen „kargte“ aber auch er nicht, setzte den Gästen guten Wein vor. Dem Temperament nach sei er ein Sanquiniker gewesen, ließ sich auch manchmal zu einem unüberlegten Entschluss hinreißen. Dass ihm Götz eine sehr lebhafte Phantasie bestätigte, passt wohl mit seinem Hang zum Mystizismus zusammen. Eine „schöne“ Parallele fand ich persönlich auch zu ihm, denn er erledigte wichtige Sachen sofort, „gleichgiltige“ ließ er liegen und - sein Schreibtisch war ein „harmonisches Chaos“. Garhammer nennt es die „Tragik seines Wirkens“ (S.115), dass Reisach als Bischof und dann als Kardinal seine Auffassung von Kirchenpolitik, die im Umfeld der romantischen Staatstheorie entwickelt wurde, nicht mehr kollegial mit seinen Amtsbrüdern erörterte „sondern sie ihnen autoritär verordnete“.

 

Sein Hang zur Mystik holte Reisach auch in Rom ein (vgl. Louise Beck in München, mit der auch in Rom noch Verbindung hatte Weiß´S.191f). Einen Einblick, welche Auswüchse dies hatte, gibt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster mit seinen fesselnden, aber wahren Begebenheiten in seinem Buch „Die Nonnen von San Ambrogio. Eine wahre Geschichte“. Der Autor nutzte die Öffnung des über 4000 Jahre verschlossenen Inquisitionsarchivs durch Papst, um u.a.  über Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen zu forschen. In diesem Zusammenhang „stößt“ er auch auf Kardinal Reisach. Diese 1817 in Stuttgart geborene Tochter des Fürsten Karl  Albrecht III. zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst wurde wenig religiös und liberal erzogen (Wikipedia).1834 reiste die Siebzehnjährige mit ihrer Mutter nach Rom und lernte hier Reisach - noch kein Bischof - kennen, der sie zu einer überzeugten Katholikin machte und auch ihr Beichtvater wurde. Sie wollte in Rom bleiben und in ein Kloster eintreten, aber Reisach redete ihr das aus. So heiratete sie 1838 Graf Erwin von Ingelheim, der jedoch schon 1845 starb. 1848 heiratete sie ein zweites Mal - den 34 Jahre älteren Karl von Hohenzollern-Sigmaringen -, der ebenfalls früh 1853 starb. Beide Ehen blieben kinderlos. Sie bekam als Witwensitz das Gut Bistriz in Böhmen, eine gut dotierte Pension sowie 100000 Gulden. Sie plante mit diesem Geld ein Kloster zu gründen. Noch im Todesjahr ihres zweiten Ehemannes trat sie in Kintzheim in die Gesellschaft vom Heiligen Herzen Jesu ein, wobei sie aber den Anforderungen nicht gewachsen war. Auf den Rat ihres Beichtvaters Reisach - inzwischen Erzbischof - trat sie 1855 wieder aus. So lebte sie seit 1857 im Palazzo alle Quattro Fontane in der Nähe des Quirinalpalstes in Rom und wurde auch öfters von Papst Pius IX. eingeladen, der sie faszinierte.  Sie trat dann wieder auf Anraten Reisachs am 27. März 1858 auf Probe in das Kloster Sant Ambrogio della Massima ein, das von Franziskanerinnen vom Dritten Orden, einem sehr strengen Orden, bewohnt wurde. Ein halbes Jahr später wurde sie mit 41 Jahren am 29. September als Novizin und einzige Ausländerin unter etwa 40 Nonnen eingekleidet. Dies war sogar eine Meldung in der „Allgemeinen Zeitung“ wert, in der unter dem 1. Oktober zu lesen war: „Die verwitwete Fürstin Katharine von Hohenzollern - Sigmaringen nahm, wie Sie aus dem Giornale di Roma ersehen, vorgestern hier im Kloster Sant Ambrogio den Schleier, und ward Tertiarierin im Orden des h. Franciscus. Cardinal Patrizi kleidete sie ein und Kardinal Reisach hielt auf den Anlass eine Ansprache über die Flucht aus der Welt. Die Fürstin ist im 42. Lebensjahr.“ Warum Reisach ihr zu diesem Kloster riet, ist unschwer zu erraten, denn er war immer schon begeistert von gefühlsbetonten Frömmigkeitsformen und angetan von „außergewöhnlichen und übersinnlichen Dingen“ (S .39). In dem empfohlenen Kloster war Maria Luisa alias Madre Vicaria  Novizenmeisterin und Stellvertreterin der Äbtissin, die einen eigentlich schon verbotene Kult um die Ordensgründern Agnese Firrao fortsetzte. Das aber hatte Reisach verschwiegen und es ihr erst später mitgeteilt. Schon die Ordensgründerin hatte nämlich den Vatikan gespalten, denn sie verzückte nicht wenige mit ihren Offenbarungen, Wundmalen oder Wundern. So lässt sie sich beispielsweise eine schwere mit 54 Nägeln gespickte Eisenmaske anlegen, klemmt ihre Zunge unter einen schweren Stein, um die Sünden dieser Welt zu tilgen bzw. eine etwaige Gotteslästerung auszuschließen. Scheinheilig im wörtlichen Sinne, denn bei ihr gehörten dämonische und sexuelle Rituale fast zur Tagesordnung. 1816 wurde das Kloster von der Inquisition geschlossen und die Gründerin als falsche Heilige (affettata santita) in ein anderes Kloster verbannt. 1829 hob Papst Leo XII. dieses Urteil wieder auf, ein bis dahin noch nie dagewesener Vorgang. Ihre Anhänger(innen) wurden auch aus der Klosterverbannung heraus mit Briefen weiter „versorgt“.  Dazu zählt anscheinend auch Maria Luisa, die mit Agnese und einem Beichtvater als junges Mädchen den Geschlechtsverkehr zu dritt vollzog. So lässt sich auch Luisa - wie ihr „Vorbild“ die Gründerin des Ordens- fast als Heilige verehren und „blendet“ mit ihren angeblichen Erscheinungen und Himmelsbriefen viele: fast könnte man sagen -natürlich - auch der dem Mystizismus fast „verfallene“ Reisach. Ihr Netzwerk reichte bis in die höchsten kirchlichen Kreise, zum Ordensgeneral der Jesuiten und indirekt auch zu Papst Pius IX. Beichtvater der Nonnen war der Jesuit Josef Kleutgen, Pseudonym Giuseppe Peters, prominenter „Vater der Neuscholastik. Er steckte mit Maria Luisa, die bereits mit 13 Jahren ins Kloster kam, mehr oder weniger unter einer Decke, verriet Beichtgeheimnisse. Dieser Kleutgen war mit heutigen Begriffen mehr als ein „Erzkonservativer“, verdammte die Aufklärung und den Wahn zur Freiheit, wollte bedingungslosen Gehorsam gegenüber der Kirche und ihren Vertretern. Er berief sich auf den Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyola, von dem ja der Begriff des „Kadavergehorsams“ stammen soll. Sein Doppelleben blieb lange verborgen bzw. durfte auch auf Anordnung von Papst Pius IX. nicht an die Öffentlichkeit kommen. „Offiziell“ war er Berater des Papstes und der Kardinäle (auch von Karl Reisach), zeigte sich anerkannter theologischer Wissenschaftler mit der Forderung nach strengen Regeln, er selber aber tat genau das Gegenteil. Sehr bald merkte Katharina, dass die Idylle täuschte und es in diesem Kloster nicht mit rechten Dingen zuging. Schon im Juli 1859 schrieb sie in einem aus dem Kloster geschmuggelten Brief an ihren Cousin Erzbischof Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst, sie aus dieser „Klosterhölle“ zu retten. Doch auch ihr Verwandter schien ihr beim Zusammentreffen mit ihr nicht zu glauben und dachte, sie sei geistig verwirrt. Dennoch entschloss er sich schließlich, dem Papst die Bitte auf „Austritt“ aus dem Kloster vorzutragen, welcher dieser auch entsprach. Am 26. Juli 1859 - nach nicht einmal einem Jahr - holte er sie auf seinen Landsitz in Tivoli. Hier besuchte sie auch Reisach, dem sie sich aber nicht anvertraute, wohl deswegen, um zu „retten, was zu retten war“ (Wolf S.377). Reisach dürfte bewusst gewesen sein, dass hier eine „Seilschaft“ der Papstmonarchie aufgedeckt werden könnte, stand er doch über Kleutgen in direktem Kontakt zu Maria Luisa und wusste wahrscheinlich auch über die Vorgänge Bescheid.

 

Vielmehr lernte sie hier ihren neuen Beichtvater und Seelenführer , Benediktinerpater Rudolf Wolter (Ordensname Pater Maurus) von St. Paul vor den Mauern und 1863 zusammen mit seinem Bruder Placidus Gründer des Benediktinerpriorats in Beuron sowie fünf Jahre später dessen erster Abt,   kennen, der sich zur Kur in dieser Idylle aufhielt. Wenige Wochen nach ihrer Rettung wandte sich Katharina an das Heilige Tribunal des Sanctum Officium und erstattete „Anzeige“ gegen die Nonnen von Sant`Ambrogio. Dabei ist festzuhalten, dass die Prozessführung damals und heute sich total unterscheiden. Damals begegneten Zeugen und Angeklagte sich faktisch nie vor Gericht (S.95). Es gab nur Einzelvernehmungen, die protokolliert und unterschrieben wurden. Auch die Richter bekamen die Angeklagten nie zu Gesicht. Das Urteil wurde ausschließlich auf der Basis schriftlicher Quellen gefällt. Papst Pius iX suchte diesen Prozess dadurch zu „steuern“, dass er Kardinal Patrizi zum Behördenchef ernannte.

 

Am 23 .August 1859 stand sie zum ersten Mal dem Inquisitor Vincenco Leone Sulla gegenüber und trug ihre vier „Hauptvorwürfe“ vor: Der verbotene Kult um die Gründerin Marianes Firrao wurde weiter betrieben, die „suspekten Beziehungen der Madre Vicaria Maria Luisa zu Pietro N., die Anmaßung der Heiligkeit dieser und persönliche Erfahrungen bis hin zu Giftanschlägen.

 

„Auslöser“ war für Katharina wohl ein Brief Pietros, der sowohl an Maria Luisa, die Novizenmeisterin, und an Luisa Maria, die Fürstin Katharina, gerichtet schien, wobei die Namensähnlichkeit wohl bewusst eingesetzt wurde. Katharina war schockiert über die obszönen Ausdrücke und “schlüpfrigen Formulierungen“ (Wolf, S.42), wobei beide unverhohlen zu sexuellen Kontakten aufgefordert wurden. Als sie die Novizenmeisterin am 8. Dezember 1858 zur Rede stellte, weil sie von den Verfehlungen dieser überzeugt war, wurde ihr das als krasser Verstoß gegen das Gehorsamsgelübde ausgelegt. Im Prozess leugnete Maria Luisa die Existenz dieses Briefes und tat dies als reine Erfindung ab. Sie habe darüber sogar Reisach unterrichtet, damit er auf Katharina einwirke. Dies tat der Kardinal anscheinend auch und bezeichnete Katharina als bemitleidenswert, weil ihre Nerven „blank“ lägen. Ob dies tatsächlich der Fall war, könnte nur durch ein besonders enges Vertrauensverhältniszwischen beiden erklärt werden. Auch ihrem Beichtvater Kleutgen beichtete sie ihre Beobachtungen und Befürchtungen, (noch) nicht wissend, dass Maria auch mit ihm ein Verhältnis hatte. Sie musste mit Gift im Tee bzw. in der Fleischbrühe aus dem Wege geräumt werden. Doch Katharina ahnte diese Anschläge, die nur deswegen nicht erfolgreich verliefen, weil anscheinend die Dosis für ihren „beleibten“ Körper zu gering war und „nur“ zu starkem Fieber, Herzrasen, Erbrechen und „schwarzen Entleerungen des Stuhls“ führte (S.51). Hubert Wolf schreibt, dass wohl ein Elefant damit umgebracht worden wäre, nicht aber die Hohenzollerin.

 

Ihr Cousin Erzbischof und auch Kardinal Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst „befreite“ sie und brachte sie nach Tivoli in die Villa d` Este, wo sie einen Inquisitionsprozess anstrengte, der haarsträubende, ja verbrecherische Details ans Tageslicht brachte. Zuvor hatte sie sich ihrem neuen Beichtvater Maurus Wolter (1825 – 1890), einem deutschen Benediktiner und späterem Erzabt in Beuron, anvertraut. In diesem Prozess brachte der Papst die beiden Kardinäle ?? und August Reisach aus der „Schusslinie“, indem er den einen als obersten Leiter der Untersuchungen einsetzte, den anderen in das Richtergremium berief, was beide natürlich dankend und loyal  taten. Denn als der kritische P. Johann Schöfl aus dem Redemptoristenorden entlassen wurde und um Aufnahme in die Diözese München nachsuchte, wurde eine Untersuchung zwischen 1865 - 1869 durchgeführt. In einem Schreiben vom 5. Oktober 1865 stellt er sich voll hinter die „Echtheit der Sendung Louise Becks“ (Weiß, S.217) und bestätigt dem Pater Schöfl Unglaubwürdigkeit. Auch die Auslieferung eines Aktenkoffers verweigerte Reisach. Er wird der Mitschuld bezichtigt, weil „von Eurer Eminenz ein so gänzliches Stillschweigen und Zurückziehen besteht“ nach (Weiß, S.221, Brief der Fürstin zu Löwenstein). Am Ende des Jahres 1868 greift Reisach wieder ein, bittet er in einem Brief an Erzbischof von Scherr um Unterrichtung des Sachstandes, damit er zur „Aufklärung etwaiger Missverständnisse“ bzw. zur „Wahrung“ seiner Ehre die erforderlichen Schritte unternehmen könne.

 

Reisach wusste sicher von den Vorgängen in Sant Ambrogio, war er doch ein enger Vertrauter von Kleutgen und hatte auch direkten Kontakt zu Maria Luisa, unternahm aber nichts dagegen. Ich glaube nicht deswegen, weil er Verbotenes und Verbrecherisches decken wollte, sondern weil er von den „seherischen“ Fähigkeiten der Maria Luisa offenbar „angetan“ und wohl auch überzeugt war. Hubert Wolf meint: “er war vor lauter Verehrung lebender heiliger Frauen und weiblicher mystischer Medien blind für die drohende Katastrophe“ (S.411/412). Die folgende Inquisition  bestätigte nicht nur den Verdacht des versuchten Giftmordes an ihr, sondern deckte auch sexuellen Missbrauch, Initiationsriten, Geschlechtsverkehr mit Priestern, Abtreibungen und sogar zwei Morde auf, ganz zu schweigen vom verbotenen Kult um die „falsche Heilige“. Im Übrigen verliert sich - nach Wolf - die Spur von Maria Luisa: man munkelt, sie sei in der Gosse geendet, aber Belege dafür gibt es nicht. Sie durfte über die Verwicklung der hochrangigen Kirchenvertreter nie reden, war während des Prozesses vom Dezember 1859 bis Mai 1860 im Kloster der Purificazione, von 1862 bis 1867 in „Klosterhaft“ (S.417) in Buon Pastore. Dann wurde sie immer seltsamer, kam wohl geistig verwirrt im Juli 1868 ins Gefängnis und am 20. Januar 1869 in eine Irrenanstalt. Anschließend durfte sie in Hausarrest bei ihrer Familie leben, wurde aber im Juli 1870 wieder nach Buon Pastore gebracht. Im Oktober wurde sie nach der Besetzung Roms durch italienische Truppen als „Glaubensgefangene“ befreit, strebte ein Verfahren gegen das Heilige Officium an und verlangte die Rückerstattung ihrer Mitgift von 1300 Scudi (S.419), wovon sie dann 500 Scudi erhielt. Da dieses Geld nicht lange reichte, verliert sich die Spur der ehemaligen “Heiligen“ endgültig, zumal auch ihre ehemaligen Gönner und Bewunderer sich total von ihr losgesagt hatten.

 

Katharina aber ging zum Wallfahren ins Heilige Land und wurde Neustifterin des Klosters Beuron, das 1868 zur Abtei erhoben wurde. Während des Kulturkampfes mussten die Mönche das Kloster verlassen, das während dieser Zeit von ihr verwaltet wurde. Nach deren Rückkehr gab es scheinbar Differenzen und sie ging 1890 nach Freiburg i.B. Drei Jahre später starb sie und wurde in der Fürstengruft zu Sigmaringen beigesetzt. Was geschah mit Kleutgen? Nach seiner Verurteilung kehrte er schon eineinhalb Jahre später im Oktober 1863 nach Rom zurück, wo Reisach sich ihm gegenüber weiterhin sehr gewogen zeigte. Auch erstellte er über Reisach Gutachten für den Papst, wobei der Index der verbotenen Bücher („ordentliches Lehramt“) von ihm initiiert immer noch Bestand hat. Kleutgen war maßgeblich am Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes beteiligt. Zwar stimmten 56 „Minoritätsbischöfe“ schriftlich dagegen („non placet“), unter ihnen auch der Münchener Erzbischof Gregor von Scherr, und waren schon vor der Schlusssitzung abgereist (Florian Heinritzi S.11). Damit hatte sie ihren langjährigen „Seelenführe “Reisach um 21 Jahre überlebt.

 

Im Jahre 1869 stand - 1869 noch zum Kardinalbischof von Ostia erhoben - im Mittelpunkt seiner Arbeit die Vorbereitung des 1. Vatikanischen Konzils. Der Redemptorist Pater Schmöger unterstützte ihn mit Artikeln aus deutschen Zeitschriften. Während dieser Vorbereitung war er bereits krank, so dass ihm der Papst im September dazu riet, wenigstens bis Allerheiligen „kürzer zu treten“ und sich zu erholen. Bei dem Ferienaufenthalt in Palombara in den Sabinerbergen machte sich aber bereits Atemnot bemerkbar. Nach seiner Rückkehr im Oktober nach Rom wurde der Zustand des eigentlich immer robusten Mannes immer schlimmer. Daraufhin bat Reisach General Mauron, dass er sich nach Frankreich in das Redemptoristenkloster in Contamine-sur- Arve in Savoyen zurückziehen dürfe. Doch seine Abreise verzögerte sich, weil er eine schwere „Magengeschichte“ durchstehen musste. So kam er erst im Oktober an. Dr. Mast, der Schmoeger immer über den Gesundheitszustand auf dem Laufenden hielt, begleitete ihn (vhl Weiß, S. 225). Bei Götz (S. 194 ff) sind seine letzten Tage festgehalten. Demnach war er am 1. Dezember zum letzten Male „außer Bette“. Am 8. Dezember war die Konzilseröffnung, an der er nicht teilnehmen konnte, obwohl er viele Vorarbeiten geleistet hatte. Sein Zustand wurde zusehends schlechter, er phantasierte viel, auch von religiösen Wirren in Deutschland. Am 21. Dezember begann sein Todeskampf, der fast 24 Stunde dauerte. Einen Tag später, am 22. Dezember (nicht am 16. Bzw. 22.1. wie anderswo) - gegen 21.00 Uhr - „entschlief Reisach sanft und ruhig“. An seinem Totenbette standen seine Nichte Pauline von Giegling aus Hechingen, Dr. Mast, Seminarrregens in Rottenburg, und ein Redemptoristenpater. Auch hier - wenige Wochen vor seinem Tod - war die Einstellung zur „Höheren Leitung“ immer noch ein Thema. Und es scheint, dass ihm doch am Lebensende Zweifel kamen. Zwar schreibt Mast im November an Schmoeger, dass der Kranke „seine guten Dispositionen eine Zeit lang nicht bewahrt“ habe (S.226) und von „Überschwänglichkeit, Mystizismus und dergleichen“ spreche, aber nur einige Tage später in einem weiteren Brief: “unser Kranker“ offenbare „öfter die Schwäche seines Glaubens“ und äußere sich „eher im Scherz herablassend“ über Mystizismus. Der Zustand verschlechterte sich immer mehr, so dass er bereits am 24. Oktober die Sterbesakramente verlangte und zeitweise ohne Bewusstsein war. Mast beklagt Reisachs Gleichgültigkeit gegenüber der „Höheren Leitung“ und zeigte sich überzeugt, dass er gesund sein und sich beim Konzil bewähren könnte, wenn er nur mehr an der „Göttlichen Leitung“ festhalten würde. Am 4. November kam auch noch Bronchialkattarh dazu, was sich jedoch zu „legen“ schien. Aber die Hoffnung war nur kurz, denn am 10. Dezember schrieb Mast an Schmoeger: “Es gibt keine Hoffnung mehr; der Tod ist bald zu erwarten, und es wird sicher nicht mehr lange dauern. Nicht um Monate handelt es sich, sondern nur noch um Tage und Stunden“ (S. 225). Und so starb er am 22. Dezember 1869  gegen 22.00 Uhr nach einem schweren Todeskampf im Beisein von Dr.Mast. In der Allgemeinen Zeitung erscheint am 28. Dezember unter „Neue Posten“, jedoch: „…Nach der vom hiesigen Metropolitankapitel ausgegeben Traueranzeige ist der Cardinal Graf von Reisach nicht am 23…. , sondern erst am 26…. gestorben.“ Für den folgenden Freitag wird für „Karl August Graf von Reisach - Steinberg, Freiherr von Kirchdorf „ein feierlicher Trauergottesdienst in der Münchener Frauenkirche angekündigt. Die einbalsamierte Leiche blieb über Weihnachten im französischen Kloster, ehe am 28. Dezember ein feierliches Requiem stattfand. Der tote Reisach wurde mit dem Wagen nach Annecy gefahren, von dort mit der Bahn nach Marseille. Am 30. Dezember wurde er auf ein Schiff gebracht und nach einer stürmischen 42-stündigen Schifffahrt kam man am 31. Dezember in Civita vechchia und am Tag darauf in Rom an. Joh. B. Götz schreibt 1901 in seiner Biographie über den Kardinal zu Beginn (S.1): “Es war am Neujahrstage des Jahres 1870 in den Abendstunden, als in der Kirche Santa Anastasia in Rom die irdischen Überreste eines Kardinals  zur Erde bestattet wurden, der im Leben segensreich für die Kirche gewirkt hatte…“ Die Beisetzung fand in aller Stille statt, nur sein Freund und Nachfolger als Bischof in Eichstätt - Franz Leopold von Leonrod - war dabei, denn dieser war zum Vatikanischen Konzil nach Rom gereist, traf seinen väterlichen Gönner nicht mehr an. Es ist ihm - vom Bahnhof kommend - nur der Trauerwagen begegnet (Widmung Götz). Hier machte ich 20?? Die Entdeckung seines Epitaphs. Auf diesem Konzil wurde auch das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet, wobei Reisachs Nachfolger in München-Freising Georg Scherr mit einer Minderheit dieses ablehnte. Die römischen Concilsbriefe von Quirinus ließen verlautbaren:“ Der Tod des Kardinals Reisach wird hier als unersetzlicher Verlust empfunden, vor allem vom Papst selbst, dessen Vertrauen der Verewigte mehr als irgendein Cardinal besaß. An den Propositionen, die dem Concil zur Sanktion vorgelegt worden, hat er den größten Antheil und gewiss hätte er, falls es ihm vergönnt gewesen, auf dem Concil noch seinen Einfluss geltend zu machen, die Projekte der neuen Dogmen mächtig gefördert. Reisach galt hier für einen Mann von umfassender Gelehrsamkeit und weittragendem Blick. Sein freundliches und gefälliges Wesen pflegten die Fremden zu rühmen“. Manche mutmaßten gar, er wäre einer der Favoriten auf die Papstnachfolge gewesen (Altb. Löwe).

 

Er ist in der Kirche Santa Anastasia am Abhang des Palatins in der Nähe des Circus Maximus auch begraben, wo ich 2013 mit großer Freude seinen Epitaph entdeckte und 2016 diesen auch fotografieren konnte, nachdem mir dies in den Jahren 2014 und 2015 wegen der „Ewigen Anbetung“ und absoluter Ruhe in diesem Raum verwehrt blieb.

 

Dr. Mast hatte den „Auftrag“, dem Sterbenden noch ein positives Gutachten über die „Höhere Leitung“ abzuringen und bot ihm „außerordentliche Mittel“ an, die er jedoch ablehnte. So schrieb bereits einen Tag nach seinem Tod Dr. Mast in einem Brief an den Provinzial, dass der Kardinal die Gesundheit bringenden Mittel verschmäht habe. „Nun seufze er im Fegefeuer, während er nach dem Willen Gottes und des Papstes Präsident des Vatikanischen Konzils sein sollte“ (S. 115, Erich Garhammer III. Kapitel: Die Regierung des Erzbischofs Karl August Grafen von Reisach (1846 – 1856, in „Das Erzbistum München und Freising im 19.nd 20. Jahrhundert“, hrg. Von Georg Schwaiger, München 1989). Dieser beklagt auch nach seinem Tod, dass er nicht „in dieser kostbaren Gnade verblieben“ sei und dadurch der Kirche „unzählige Wohltaten“ verloren gingen (S.227). Mit dem Tode Reisachs aber verloren die „Kinder der Mutter“ auch ihren prominentesten Fürsprecher, der am Lebensende vom überzeugten Verehrer zum Zweifler an der Übernatürlichkeit der Vorgänge geworden war (vgl. Weis, S .228). Der Nachlass des Kardinals fiel nach dem Tode seiner Nichte Pauline von Griegling 1901 an deren Vetter, den Passauer Bischof Sigmund Felix von Ow, der ihn daraufhin nach Piesing überstellte.

 

Jakob Scharf