Viel Interesse an Auftakt-Abend zum Ökomodellregionsbeitritt Teisendorfs
Teisendorf - „Das ist eine gute Plattform, wo konventionelle Bauern, Biobauern und Verbraucher wieder miteinander ins Gespräch kommen“, warb die Gumpertinger Bäuerin Elisabeth Aschauer für Offenheit gegenüber der „Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel: Zum Auftakt der offiziellen Mitgliedschaft der Marktgemeinde Teisendorf trafen sich im gut besuchten Saal der Alten Post Landwirte, Aktive aus den Arbeitskreisen und interessierte Bürger.
Teisendorfs Bürgermeister Thomas Gasser erinnerte an die Vorgeschichte: Im November 2014 entschied der Gemeinderat, einen Beobachter in das Lenkungsgremium der im Mai 2014 mit sieben Gemeinden gegründeten Ökomodellregion zu entsenden. Im September 2015 wurde der Beitritt für den zweiten Förderzeitraum beschlossen. Die Gemeinde Teisendorf habe 308 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 31 Biolandwirte mit 550 Hektar. Die durchschnittliche Betriebsgröße sei 16,4 Hektar. 121 Haupterwerbshöfe stünden 187 Nebenerwerbshöfen gegenüber.
Die Ziele und Projekte der Ökomodellregion umriss Vorstandssprecher Hans-Jörg Birner, Bürgermeister von Kirchanschöring: Netzwerke und Kooperationen zwischen Landwirten, Erzeugern, Verarbeitern und Verbrauchern sollten gebildet werden und das Kirchturmdenken weiter überwunden werden. Die Ökomodellregion könne der Region zu einem weiteren, touristisch interessanten Alleinstellungsmerkmal verhelfen. Birner betonte, dass die Teilnahme auf freiwilliger Basis stattfinde. Eine Chance sei das zusätzliche, staatlich geförderte Fachpersonal. Eine Hürde sei anfangs die Landkreisgrenze gewesen. Inzwischen sei bereits ein Kooperations-Brückenschlag über die Landesgrenze zur Bioheumilchregion angedacht. Birner erwartet sich gute neue Impulse aus Teisendorf; ein erster Impuls sei die den Abend gestaltende „Semmebräslmusi“.
Die wachsenden Bio-Trend, dem die Produktion in Bayern nicht standhalte, hob der Moderator des Abends, Alfons Leitenbacher, hervor. Der Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein verwies auf den „Riesenunterschied“ beim Preis zwischen konventioneller und Bio-Milch nach dem Fall der Milchquote. 61 der jüngsten 260 Antragstellern für das Förderprogramm „Kulab“ seien Umstellungsbetriebe gewesen; davon lägen 15 in der bisherigen Ökomodellregion und vier in der Gemeinde Teisendorf. Die Zahl der bisherigen Biobetriebe in der Ökomodellregion wächst durch das Neumitglied von bisher 70 auf künftig 105. Danach stellten sich die einzelnen Arbeitskreise vor (siehe auch weiterer Artikel).
Peter Loreth, Leiter der Verwaltungsstelle der Biosphärenregion, erlklärte, Teisendorf sei die einzige Kommune in Bayern, die Mitglied in zwei Modellregionen ist. Er erläuterte ein Kooperationsprojekt: den Anbau der alten Getreidesorte „Laufener Landweizen“, den auch einige Teisendorfer Biobauern wieder kultivieren. Die hoch wachsende Sorte sei gut für die Humusbildung, müsse nicht gespritzt werden und sei geeignet für Personen mit Gluten-Sensibilität. Die Bäckereien und Brauereien zeigten großes Interesse daran.
Für das Streuobstprojekt, für das bereits zehn Baumpaten, die Landwirte beim Pflanzen, der Pflege und Ernte unterstützen, gefunden wurden, warb Annette Bobenstetter. Auch Nicht-Bio-Landwirte könnten ihr Obst mit Hilfe einer Bio-Sammelzertifizierung als Bio-Obst mit dem doppelten Erlös vermarkten; solches werde von der Laufener Kelterei händeringend gesucht.
Die Teisendorfer Landwirte und Bürger hatten etliche Fragen. Rupert Koch etwa erkundigte sich nach Unterstützung durch Fachpersonal bei der Baumpflege. Der Landschaftspflegeverband Traunstein biete an, alte Obstbäume zu schneiden, erklärte Bobenstetter. Eine Möglichkeit sei auch die Baumpatenschaft. Laut Marlene Berger-Stöckl von der Projektbetreuung sind auch gemeinsame Schnittkurse angedacht.
Isidor Haunerdinger beklagte sich über bürokratische Hürden beim Bau seines geplanten mobilen Hühnerstalls für 220 Hühner in Oberstetten: Für jede Flurnummer verlange das Landratsamt eine eigene Baugenehmigung und ein eigenes Immissionsgutachten. Er fragte, wie die Waginger Käserei zur Ökomodellregion steht. Man sei von Beginn an im Gespräch, erklärte Berger-Stöckl. Sie hofft auf künftige Kooperationen durch Errichtung einer Schaukäserei in Waging.
Norbert Zollhauser erkundigte sich, ob das hiesige Ökomodell wie im Achenthal auf andere Sparten wie Tourismus und Energieversorgung ausgedehnt werden soll. Diese Themen werden laut Birner im parallel laufenden Projekt „Integrierte ländliche Entwicklung“ aufgegriffen. Berger-Stöckl bat jeden, Themen, die er noch vermisst, einzubringen. Elisabeth Aschauer appellierte an die Verbraucher, ihre speziellen Wünsche auch an die regionalen Betriebe heran zu tragen.
„Ihr seid alle zukünftige Biobauern und alle herzlich willkommen. Stellt wegen dem Geld um“, rief der Tenglinger Bio-Getreidebauer Franz Obermeyer den Teisendorfer Bauern zu. Hans Kraller aus Teisendorf findet die Ökomodellregion gut, doch „es kommt mir vor, wie wenn man bei einem Haus im Erdgeschoss etwas verbessern möchte, während der Dachstuhl brennt“: Im Mai solle das CETA-Abkommen zwischen EU und Kanada unterschrieben werden. Birner und Gasser bestätigten, dass sie diesbezüglich für den Erhalt der kommunalen Rechte kämpfen werden.
„Wir denken wieder über die Zukunft unserer Region nach“, benannte Vorstandssprecher Herbert Häusl, Bürgermeister von Waging ein großes Plus der Ökomodellregion aus seiner Sicht. Wichtig sei, zu unterscheiden, wo man abhängig ist und wo man noch selbstbestimmt gestalten kann. Mit Ermutigungen von Leitenbauer und Gasser, die Chancen zu nutzen und gemeinsam loszugehen, klang der Abend aus.
Veronika Mergenthal
Einblick in die Arbeitsgruppen - Projekte und Mitwirkungsmöglichkeiten präsentiert
Im Bereich „Biofleisch“ engagiert sich im Rahmen der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel unter anderem die Erzeugergemeinschaft (EG) Traunstein, die 1977 als Verein gegründet wurde und 2004 den Schlachthof Traunstein übernahm, zusammen mit der EG Miesbach. Der aus Teisendorf stammende neue Vorsitzende Hans Grabner will laut Bernhard Reiter die Themen Regionalität und Bio noch weiter voran treiben. Besonders erfreut zeigte sich Reiter, dass der bekannte Schuhhersteller aus seinem Heimatort Kirchanschöring viele Bio-Häute für sein Leder vom Schlachthof Traunstein kauft und dass man sogar nachvollziehen kann, von welchem Hof das Leder des eigenen Schuhs stammt.
Heimisches Bio-Rindfleisch soll auch für Vereinsfeste beworben werden. Weitere Kooperationen sollen ausgebaut werden, etwa mit „Chiemgauer Naturfleisch“ und mit den Metzgern.
„Für meinen Betrieb war die Umstellung von Anfang an ein Gewinn“, berichtete Hans Praxentaler von der Arbeitsgruppe „Biomilch“, der 2001 Biobauer wurde. Die Umstellung habe sich positiv auf die ganze Bauernfamilie in ihrer Gesamtheit ausgewirkt, auch wenn anfangs der Preisunterschied nicht so groß gewesen sei. Durch ein „Käsemobil“ wird aus Praxentalers Milch Biokäse. Zentral ist für ihn der gute Umgang mit dem Boden, statt immer schwereres, größeres Gerät zu verwenden.
Die wachsende Sensibilität der Verbraucher bestätigte Bärbel Forster vom Arbeitskreis Ernährungsbildung. Beim Bio-Flaschlbrot, das auf den Märkten viel Anklang finde, fragten die Leute nach, welches Getreide enthalten sei – unter anderem der „Laufener Landweizen“. Heuer sei man mit Brot und Käse aus der Modellregion auch in München bei den Stadtwerken und dem zentralen Landwirtschaftsfest. Zur Veranstaltung „Bio kann jeder“ mit Infos für Schulen und Kindergärten seien auch einige sehr aufgeschlossene Teisendorfer Lehrerin gekommen. Interessierte Bürger lud Forster zum AK-Treffen am 27. April um 19 Uhr beim Gasthaus Riedler in Petting ein.
Für das Thema „Regionales Eiweiß“ warb Franz Huber aus Fridolfing. Es gebe unter anderem Anregungen zur Grünlandverbesserung sowie zum Kleegras- und Sojaanbau. Für das Selbstwertgefühl der Bauern und die Gesundheit der Tiere sei es besser, wenn man mehr Eiweißfutter in der Region produzieren könne. Seenberater Alois Lohwieser erklärte, dass ein Hektar gutes Grünland 2500 Kilo Rohprotein erzeuge, ein Hektar Sojabohne jedoch nur 1200 Kilo Rohprotein. Wenn man beim Grünland mit Hilfe von Handsaatgeräten rechtzeitig nachsähe, komme man ganz ohne chemischen Pflanzenschutz aus. Eine weitere Arbeitsgruppe für konventionelle Bauern widmet sich dem Thema „Milch aus regionaler Fütterung“.
Veronika Mergenthal