Biobetrieb seit 2008 – Ökomodellregion auf Besuch in der JVA Lebenau
Von Hannes Höfer
Laufen. Wer hat hier mehr Freiheiten: Mensch oder Tier? 150 junge Strafgefangene sind derzeit in der Justizvollzuganstalt Laufen-Lebenau untergebracht. In Nachbarschaft zum Zellentrakt leben Rinder, Schafe und Hühner. Weil der landwirtschaftliche Betrieb in der Lebenau seit 2008 biozertifiziert ist, interessierte sich auch das Team der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel dafür. Die beiden Geschäftsführerinnen Marlene Berger-Stöckl und Christa Zeitlmann hatten zu einer Exkursion zum Thema Biorindermast eingeladen und gekommen waren rund 20 interessierte Landwirte aus der Region.
Es gab schon mal mehr Gefangene in der Lebenau. Mit 220 jungen Männern könnte das Jugendgefängnis belegt werden; aktuell sind es rund 150. Zwischen sechs und acht von den Burschen arbeiten in der Landwirtschaft, zusammen mit drei Beamten. Betriebsleiter dort ist Peter Forster, ein Mann mit 26-jähriger Erfahrung. Es sei nicht immer leicht, die geeigneten Kandidaten zu finden, welche die anpacken wollen und können, sagt er. Die Bewerber würden erst nach eingehender Prüfung zugelassen, denn es bestehe immer Fluchtgefahr. „Früher hat man die Abhauer halt bei der Freundin oder zu Hause wieder abgeholt“, erzählt Forster, „heute ist das immer ein Drama mit Hubschraubereinsatz und anderem mehr.“
Für eine Landwirtschaftslehre ist die Haftzeit in der Regel zu kurz. Gleichwohl können die jungen Männer dort viel lernen. 50 Rinder bewegen sich in dem hellen und geräumigen Stall frei, haben vorne Wasser und Futter, hinten Stroh zum Liegen, und einen Auslauf ins Freie. Im Sommer stehen sie auf der Weide unter Bäumen. Auch im Stall standen einstmals 250 Stück. Heute sind es 14 Mutterkühe und 36 Masttiere. Das Fleisch von Angus und Charolais vermarktet der 53-Hektar-Betrieb über Chiemgauer Naturfleisch. Drei bis vier Kilogramm Stroh pro Tier und Tag braucht der Lebenauer Betrieb. „Das ist relativ viel, wir sparen nicht“, sagt Forster.
Mais, Weizen, Soja, Gerste, Hafer und Kleegras säen und ernten Forster und seine Mannschaft mit entsprechender Fruchtfolge, Ackerfrüchte verkaufen sie an Milchbauern. Sie machen Brennholz, arbeiten in der Landschaftspflege für die Laufener Naturschutz-Akademie, vermarkten Pappel-Setzlinge für Energiewald und mähen Dämme für das Wasserwirtschaftsamt. „Ziel ist, dass die Gefangenen beschäftigt sind“, betont der Betriebsleiter.
Ginge es rein nach Wirtschaftlichkeit, hätte er so manches umgestellt. Auf Mutterkuhhaltung etwa könnte er verzichten, im Ministerium jedoch lege man Wert darauf, dass die Burschen erleben, wie Nachwuchs kommt und wie die kleinen Kälbchen aufwachsen. Thomas Winkler vom Traunsteiner Landwirtschaftsamt bestätigt das: „Mutterkuhhaltung macht weniger Arbeit, aber bringt nur etwa ein Zehntel des Gewinns von Milchwirtschaft“, sei als Haupterwerb also nicht geeignet.
Der Lebenauer Betrieb hat mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie andere Betriebe auch. Mit dem Wetter, den Märkten – und mit Tauben. Zu Hunderten würden die auf Mais und junge Sojapflanzen losgehen, berichtet Forster. Als einer der Bauern „abschießen“ vorschlägt, lacht Forster: „Die Tauben kennen die Autonummern.“ Weil Biobetriebe nur ungebeiztes Saatgut verwenden dürften, seien die Vögel darauf besonders scharf, erklärt Christa Zeitlmann dazu, „und das spricht sich rum.“
Die Landwirtschaft in der JVA bekommt zwar EU-Fördermittel, als Staatsbetrieb jedoch nicht wie andere Bauern Gelder etwa aus dem KULAP-Programm. Man müsse beim Einkauf Mehrwertsteuer bezahlen, erläutert Forster, dürfe beim Verkauf aber keine solche verlangen. Die Eier der 120 JVA-Hühner werden an die Kollegen im Betrieb verkauft, in der Küche kommen sie nicht zum Einsatz, erstens weil man dort insgesamt sehr zurückhaltend mit Eiern agiert, und weil die zweitens im Einkauf unschlagbar günstig seien.
Seit einem Vierteljahrhundert grasen rund 25 Waldschafe, eine vom Aussterben bedrohte Rasse, in der Lebenau. Die Lämmer verkauft man an interessierte Landwirte, die Alttiere dürfen hier eines natürlichen Todes sterben. „Eines ist schon mal 18 Jahre alt geworden“, erzählt Forster den Bauern. Die sind durchwegs angetan vom Maschinenpark des Betriebs. Drei Traktoren, Pflug, Güllefass, Ladewagen und anderes mehr stehen in den großen Stadeln. „Wir dürfen Lohnarbeiten machen, aber die Geräte nicht verleihen“, so der Betriebsleiter, der in Sachen Maschinen vorausplanen muss. „Wenn wir 2018 etwas brauchen, müssen wir das jetzt beantragen“. Und alles über 25.000 Euro müsse ausgeschrieben werden.
Tierarztkosten hat Forster nach eigenen Angaben praktisch keine, bis auf das Kastrieren der männlichen Kälber nach rund einem halben Jahr, das mit etwa 90 Euro zu Buche schlage. In einem Biobetrieb sei die Mastdauer mit 3,5 Jahren rund ein halbes Jahr länger als in der konventionellen Landwirtschaft, so der Betriebsleiter.
Wenn die Masttiere die Lebenau verlassen, geht es zum Metzger. Für die Strafgefangenen irgendwann in die Freiheit und in ein hoffentlich rechtschaffenes Leben. Im Sommer, so erzählt Peter Forster, würden die Burschen nicht ungern in der Landwirtschaft arbeiten. Der Grund: „Wenn sie rauskommen, sind sie braungebrannt und sehen aus, als wären sie im Urlaub gewesen – nicht im Knast.“