Gut besuchter Informationsabend in Surheim - Bürgermeister Bernhard Kern sieht Beitritt positiv
Saaldorf-Surheim. Eigentlich war es nicht geplant, doch in der Gemeinderatssitzung vom 9. Juli fand sich überraschend eine Mehrheit für den Beitritt der Gemeinde Saaldorf-Surheim zur Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel. Im gut besuchten Lederer-Saal fand nun ein Informationsabend statt, bei dem Ziele, Themenfelder und Organisationsstruktur der Ökomodellregion (ÖMR) vorgestellt wurden. Praxisbeispiele aus den schon bestehenden Arbeitsgruppen der ÖMR und aus der Bio-Heu-Region Trumer Seenland ergänzten den Informationsabend, der von Alfons Leitenbacher, Leiter des Amtes für Ernährung und Landwirtschaft Traunstein (AELF) fachkundig moderiert wurde. Bürgermeister Bernhard Kern verlieh seiner Hoffnung auf erfolgreiche und konstruktive Zusammenarbeit innerhalb der ÖMR Ausdruck.
In seiner Begrüßung wies Bernhard Kern darauf hin, dass die Bayerische Staatsregierung 2013 das Ziel formuliert habe, die Bioproduktion bis 2020 zu verdoppeln. Auf dieser Grundlage seien die landesweit 12 ÖMR entstanden. Mit dem Beitritt der Gemeinde Saaldorf-Surheim werde den produzierenden landwirtschaftlichen Betrieben die Möglichkeit gegeben, sich mit der Erzeugung und Vermarktung von Bioprodukten zu stärken. „Wir als Gemeinde schaffen mit dem Beitritt lediglich eine Plattform. Initiatoren und Ausführende sind alle, von den landwirtschaftlichen Betrieben über interessierte Personen bis hin zum Verbraucher.“ Wichtig sei vor allem ein verändertes Verbraucherverhalten. „Die ökologisch erzeugten heimischen Produkte müssen dem Verbraucher in geeigneter Weise nähergebracht werden.“ Positiv sah Kern die Vernetzungsmöglichkeiten der ÖMR mit anderen Organisationsstrukturen und Programmen, wie AELF und dem Projekt „boden:ständig“, Biosphärenregion, LEADER-Region und Landschaftspflegeverband. Wichtig zu wissen sei, dass diese Programme nicht in Konkurrenz zur ÖMR stünden, sondern eine sinnvolle Ergänzung darstellten. „Als Bürgermeister wünsche ich mir, dass wir alle gemeinsam am Erfolg der Ökomodellregion partizipieren“, fasste Bernhard Kern seine Ausführungen zusammen.
„Es ist wichtig, dass man Bauern, Gesellschaft und Verbraucher zusammenbringt und gemeinsam versucht, die Landschaft so zu erhalten, wie wir sie kennen und lieben. Dazu bietet die Ökomodellregion gute Chancen und Möglichkeiten“, sagte Alfons Leitenbacher in seinen einführenden Worten. Hans-Jörg Birner, Bürgermeister von Kirchanschöring und Sprecher der ÖMR, stellte Themenfelder, Zielrichtungen und Organisationsstruktur der Modellregion vor. Seine Kernbotschaft: „Seid neugierig, hört euch an, was wir für Angebote machen, und meldet euch bei uns. Wir freuen uns um jede und jeden, der mitarbeiten will, ob Landwirt, Verbraucher, Verarbeiter, Händler oder Gastwirt.“ Die grundsätzliche Zielsetzung der ÖMR sei es, mehr Bioprodukte in der Region zu erzeugen und zu vermarkten. Daneben solle die ÖMR bewusstseinsbildend tätig sein und einen Beitrag zur Ökologisierung durch Verbraucher, Bürger und Kommunen leisten. Eine wichtige Aufgabe sei es, Brücken zu den konventionellen Landwirten zu schlagen und gemeinsame Projekte zu erarbeiten. Es gehe nicht darum, fertige Patentrezepte umzusetzen, sondern Wege und Antworten für Fragestellungen vor Ort zu finden. Organisatorisch unterstützt und begleitet werde die Arbeit der ÖMR von Marlene Berger-Stöckl, die ihr Büro im Waginger Rathaus habe. Als „Hauptsäule unserer Arbeit“ bezeichnete Hans-Jörg Birner die Erzeugung und Vermarktung regionaler Bioprodukte. Hier werde die Vernetzung von Erzeugern, Verarbeitern, Handel und Gastronomie eine Hauptaufgabe der nächsten Monate sein. Als ein Beispiel nannte Birner Biofleisch, bei dem die Nachfrage in der Region nicht gedeckt werden könne. „Hier sind wir als Ökomodellregion behilflich bei der Herstellung von Kontakten zwischen Landwirten und ihren potentiellen Partnern.“ Ähnlich verhalte es sich mit dem Biomilchmarkt, der weiterhin einen Wachstumsmarkt darstelle. Auch im Ökoackerbau gäbe es erfreuliche Ansätze, wie beispielsweise die Kooperation mit der Schlossbrauerei Stein, für die Bio-Braugerste angebaut wird. Auch die Kommunen selbst sehen sich in der Verantwortung für die ÖMR, wie ein 15 Punkte umfassendes Beschlusspaket dokumentiert. Dabei geht es von der von der Verpachtung kommunaler Flächen über Umstellung von Gemeinschaftsverpflegungen, beispielsweise in Kindergärten, Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, den Umgang mit Ausgleichsflächen oder die Art der Pflege öffentlicher Grünflächen bis hin zu so banalen Dingen wie einem Ökomodellregions-Geschenkkorb. Zusammenfassend stellte Hans-Jörg Birner klar: „Aus der Mitgliedschaft einer Kommune in der Modellregion erwachsen dem einzelnen Landwirt, Verarbeiter und Verbraucher keine zusätzlichen Verpflichtungen, aber jeder hat die Möglichkeit mitzumachen“, oder wie es Alfons Leitenbacher ausdrückte: „Wir sehen in erster Linie die Chance und nicht das, was schiefgehen kann.“
Es folgten Praxisbeispiele aus den bestehenden Arbeitsgruppen (AG) innerhalb der ÖMR. Hans Praxenthaler (AG Biomilch), Franz Obermeyer (AG Ökoackerbau, Erzeuger-Verarbeiter-Koperation) und Franz Huber (AG regionales Eiweiß) gaben einen kurzen Überblick zu den jeweiligen Aktivitäten. Interessant war der Vortrag von Obmann Franz Keil über die Bio-Heu-Region Trumer Seenland im benachbarten Oberösterreich.
In der anschließenden Diskussion plädierte Felix Hagenauer, dessen Hof in Surheim-Reit schon lange biologisch bewirtschaftet wird, vehement für Bioprodukte: „Es liegt auch an uns, dass wir unsere Produkte dem Verbraucher nahebringen und dazu ist die Ökoregion ein wichtiger Rahmen.“ Hias Kreuzeder stellte die rhetorische Frage „Warum sollte ich ausgerechnet Bio essen, ist das besser oder schlechter - oder billiger oder teurer?“. In ihrer Antwort wies Marlene Berger-Stöckl darauf hin, dass es nicht nur um gesunde Ernährung geht, sondern auch um den Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft und um Boden- und Artenschutz. Für Biobauer Hans Praxenthaler ist es wichtig, dass die Bevölkerung Idee und Konzept der Ökoregion annimmt und mitträgt. „Die Chance dazu ist wesentlich größer, wenn wir nicht jammern, sondern in der Öffentlichkeit für uns werben.“ Bürgermeister Bernhard Kern ging in einem kurzen Statement nochmal auf die Entscheidung im Gemeinderat und deren Vorgeschichte ein. „Ich gebe zu, dass ich der Ökomodellregion sehr skeptisch gegenübergestanden bin.“ Bei seiner Entscheidungsfindung habe er sich in erster Linie an der ablehnenden Haltung der örtlichen Bauernobmänner orientiert. Heute und nach diesem interessanten Abend sehe er das Thema anders: „Wenn es einer oder fünf schaffen, aus der Ökomodellregion für sich was zu generieren, dann haben wir schon gewonnen.“ Als „Rädelsführer“ bezeichnete sich 2. Bürgermeister Andreas Buchwinkler, weil er bei der entscheidenden Gemeinderatssitzung vehement für einen Beitritt zu ÖMR geworben habe.“ Für ihn sei die Entscheidung der Landwirte gegen einen Beitritt ein großer Rückschlag gewesen. „Ich habe mich im Vorfeld ausführlich informiert und festgestellt, dass jeder einzelne mitmachen kann, aber keiner mitmachen muss.“ An Bernhard Kern gewandt sagte Buchwinkler: „Es freut mich, dass du als Bürgermeister jetzt auch dahinterstehst. Es ist eine große Chance – jetzt pack ma einfach o.“
Norbert Höhn