Sprecher der Arbeitskreise berichten von ihren Erfahrungen. Bio-Heu-Region Trumer Seenland – seit 20 Jahren ein Erfolgsmodell.
Saaldorf-Surheim. Mehr regionale Bioprodukte erzeugen und vermarkten, aber auch mit den Mitgliedsgemeinden, interessierten Landwirten und den Verbrauchern gemeinsam ökologische Projekte voranbringen, das hat sich die Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel zum Ziel gesetzt. Wie das in der Praxis aussehen kann, wurde bei der Informationsveranstaltung in Surheim (wir berichteten) vorgestellt.
„Wenn ich auf Bio-Produktion umstelle, muss ich es aus Überzeugung tun“, sagte Hans Praxenthaler, Biobauer aus Fridolfing und Leiter der Arbeitsgemeinschaft (AG) Biomilch innerhalb der Ökomodellregion (ÖMR). Wegen des vermeintlich höheren Preises, den Molkereien bezahlen, kurzfristig umzustellen, bringe nichts. Er selber liefere seit 2004 Biomilch, wobei man mit einer Umstellungszeit von zwei Jahren rechnen müsse. Beim Absatz von Biomilch zeige sich ein verhaltener Wachstumsmarkt, der zwischen sieben und zehn Prozent liege. „Wir Bauern dürfen uns allerdings nicht nur auf die Milchproduktion beschränken, sondern müssen flexibler werden nach dem Prinzip:“Was wird gesucht – was wird gebraucht?“. Als Beispiel nannte Praxenthaler den Ökomodellregion-Käse, der zwischenzeitlich schon in vielen heimischen Supermärkten angeboten wird. „Wichtig ist, dass wir mehr werden, uns vernetzen und Ansprechpartner in den einzelnen Teilnehmergemeinden haben“, wünschte sich Hans Praxenthaler und fügte hinzu: „Mich freut es für jeden der umstellt, denn die Bio-Landwirtschaft hat mit Sicherheit zukünftig ein gutes Standbein in der Region.“ Das meinte auch Alfons Leitenbacher, Leiter des AELF Traunstein und Moderator des Infoabends: „Die einzigen Wachstumsmärkte sind Bio und Regional.“ So bestünde beispielsweise bei Biomilch und Biofleisch eine eklatante Unterversorgung.
Franz Obermeyer aus Tengling hat bereits 1991 auf biologische Bewirtschaftung umgestellt. Innerhalb der ÖMR ist er Leiter der AG Ökoackerbau und Erzeuger-Verarbeiter-Kooperation. Seine Produkte einfach abzuliefern sei für den kleinen Bauern eigentlich nicht der Weg, der ihn auf Dauer glücklich werden lasse, gab Obermeyer zu bedenken. „Im Ackerbau ist das genauso. Wenn ich einfach sogenannte Null-Acht-Fünfzehn-Waren produziere, die ich dann abliefere, komme ich meistens nicht auf mein Geld, dass der Hof richtig blüht.“ Als Beispiel für das, was die ÖMR schon auf den Weg gebracht hat, nannte er den Anbau von Braugerste, für die in Kooperation mit einer regionalen Brauerei ein fairer Preis bezahlt werde. Auch die Senfpflanze würde in der Region gut wachsen und die Nachfrage auf dem Biomarkt sei groß, zeigte Obermeyer eine weitere Perspektive auf. „Wir haben jetzt mit dem Senfanbau angefangen und suchen weitere Bauern zum Mitmachen.“ Wichtig sei es auch, „unsere Produkte möglichst ohne Zwischenhandel zu vermarkten, damit das Geld beim Bauer und in der Region bleibt“, so Obermeyer weiter. Bio-Ackerbau solle man aber nicht nur von der wirtschaftlichen Seite betrachten, sondern auch als Zugewinn für Mensch und Natur. Die bunte Vielfalt der Pflanzen trage zur Vielfalt der Arten, vor allem der Insekten bei. Daneben erfreuen die Felder das Auge der Menschen. „Die Leute bleiben stehen, staunen und fotografieren – und ihr seid Helden“, formulierte Franz Obermeyer überschwänglich. Ackerbau biete eine riesige Palette an Anbaumöglichkeiten und „das wird alles gebraucht, das wird euch aus den Händen gerissen“, appellierte Obermeyer zum „Mitmacha“ und „Drübatraun“. Alfons Leitenbacher ergänzte, dass Biogemüse und Biokräuter in der Region händeringend gesucht würden.
„Wie können wir in der Region mehr Eiweiß erzeugen, damit wir es nicht von weit her zukaufen müssen?“, mit dieser Frage beschäftige sich Landwirt Franz Huber aus Fridolfing, Sprecher der AG „Regionales Eiweiß“. Bei Feldbegehungen habe der Arbeitskreis verschiedene eiweißhaltige Pflanzenmischungen in Augenschein genommen. So habe man beispielsweise herausgefunden, dass ein Erbsen-Hafer-Gerstengemisch sehr interessant sei, weil es im Anbau unkompliziert ist. Eiweißerzeugung und Grünlandverbesserung sei auch für die konventionelle Landwirtschaft ein wichtiges Thema, betonte Huber. Er lud die anwesenden Landwirte ein: „Einfach bei mir anrufen oder vorbeikommen und das Ganze anschauen.“ Alfons Leitenbacher erinnerte daran, neben der eiweißintensiven Grünlandbewirtschaftung auch Platz für extensiv bewirtschaftete Flächen bereit zu halten, auf denen Blühpflanzen und Blumenwiesen gedeihen können.
Wie sich Landwirte auf unkomplizierte Weise selbst organisieren können und dabei einen überaus erfolgreichen Markennamen geschaffen haben, darüber berichtete Obmann Franz Keil von der Bio-Heu-Region im benachbarten Oberösterreich. Nachdem Österreich 1996 der EU beigetreten war, habe die Landwirtschaft einen enormen Preisverfall zu beklagen gehabt. Grund für 13 Bio-Bauern aus der Region Trumer Seenland, sich zu einer eigenen Bio-Genossenschaft zusammenzuschließen, aus der schließlich die Bioregion hervorging. „Heute hat unser Verein 240 Mitglieder in 27 Gemeinden von Dorfbeuern bis zum Mondsee“, berichtete Franz Keil. Für die Zuhörer dann doch überraschend: Das Ganze funktioniert ohne aufwendige Organisationsstrukturen, ohne Personal und sogar ohne eigenes Büro. Als Schwerpunkt habe man sich seinerzeit für die Produktion von Bio-Käse entschieden. Heute gäbe es in der Region noch sechs Käsereien, die allesamt biologisch produzieren und es ermöglichten, ein großes Sortiment an Bio-Heumilchkäse anzubieten. Eine wichtige Grundlage sei die Einbeziehung der Bevölkerung. So wolle man die Leute dazu ermuntern, ihre Hausgärten nach biologischen Grundsätzen zu bewirtschaften und damit das Naturschutzgebiet in der Region faktisch zu verdoppeln. Zur Finanzierung des Vereins meinte Franz Keil: „Geld spielt bei uns keine Rolle, denn wir haben keins.“ In der Bevölkerung sei die Bio-Heu-Region gut angenommen worden, dies nicht nur wegen ihrer Glaubwürdigkeit, sondern auch „weil uns immer wieder was Neues einfällt.“ So gibt es seit 13 Jahren im jährlichen Wechsel eine „Heukönigin“, welche die Region bei den verschiedensten Anlässen repräsentiert. Einen „Mitgliedsausweis“ hatte Franz Keil auch dabei: Das dekorative „Heumascherl“, welches er am Hals trug, ist zugleich Logo der www. bioheuregion.at.
Norbert Höhn